Welt aus den Angeln

Durch mein Fenster dringt eine Kirchenglocke herein, die Kinder spielen gegenüber auf dem Spielplatz. Ich könnte draußen sitzen auf dem Balkon, um mich von der Sonne braten zu lassen. Meine Liebste sagte heute morgen: “In vielen Ländern der Welt beten Millionen von Menschen für eine halbe Stunde Frieden, damit sie einmal keine Angst haben oder ihre Einkäufe erledigen können, wenn sie Haus und Geld haben, und hier ist alles friedlich und geordnet. Wir können froh sein über sauberes Wasser, genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und über einen Spielplatz, auf dem Kinder in Ruhe und den ganzen sonnigen Tag lang spielen können.” Natürlich hat sie recht, und ich bin dankbar für all dies, was man so oft eine Selbstverständlichkeit nennt. Und doch ist es, als werde die Welt, die ich kenne, aus den Angeln gehoben. Jede Einzelne der Sicherheiten meiner Generation verschwindet Stück für Stück, und zurück bleibt nur ein Trümmerfeld. Ein Trümmerfeld, das von Menschen gemacht ist, die es besser wissen könnten, wenn sie wollten.

Für mich persönlich begann es im Sommer 2013. Mit einem Freund, der 27 Jahre lang treu an unserer Seite gestanden hat, der das letzte Hemd mit uns geteilt hätte, und für den wir in jeder Krise da waren, nutzte mit uns während unseres Urlaubs den Wahl-o-maten zur Bundestagswahl. Als wir die Ergebnisse verglichen, stellten meine Liebste und ich fest, dass wir die Linken oder die Piraten wählen würden. Unser Freund landete, noch zu seinem eigenen Erschrecken, bei der NPD. Was ist geschehen, wenn ein Mensch, der sich für Umweltschutz, gerechtigkeit und die Tobinsteuer einsetzt, der Willkür anprangert und für Freunde hungert, plötzlich eine aggressive, menschenfeindliche Partei bevorzugt? Heute könnte dieser Mann zu den hunderten oder tausenden von Internettrollen gehören, die Frauen, die eine eigene Meinung haben, eine Vergewaltigung an den Hals wünschen, und die vermutlich bestimmte Grausamkeiten gegen Fremde, Frauen und Homosexuelle nicht nur dulden, sondern auch befürworten würden. Was also ist geschehen?

Linke Aktivisten haben es einfach: Sie kennen den Feind. Schuld ist der Neoliberalismus, der Überwachungswahn und die Lobbykratie. Ende der Fahnenstange. Zusammengefasst nennt man das wohl die Ungerechtigkeit der Welt. Ich finde die Situation weit weniger verständlich. Hatten wir nicht alle aus der Geschichte gelernt? saß uns nicht allen der Schreck der Nazi-Verführungskunst, der Nazi-Gewaltherrschaft und des Nazi-Krieges immer noch im Leib und machte uns zu kooperativen, friedensorientierten Europäern und Demokraten? War nicht vollkommen klar, dass es eine Wiederholung nicht wieder geben konnte in Deutschland?

Und dann gewinnt die AFD, eine offen rassistische, menschenverachtende und zum Wohl der Reichen agierende Partei, was man aus ihrem Programm wirklich herauslesen kann, Wahl um Wahl in deutschen Bundesländern. Okay: Sie wird nicht an den Regierungen beteiligt, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie unübersehbar geworden sein wird. Sicher: In den umliegenden europäischen Ländern war der Nationalismus ungebrochen, aber in Deutschland? Stück für Stück erobert eine Partei die Medienhoheit und die Parlamente, die sachliche Berichterstattung als Lügenpresse diffamiert, Ausländer als Menschen zweiter Klasse behandelt, vor allem, wenn sie Flüchbtlinge sind und ohnehin ein schreckliches Schicksal haben, und die Frauen, Homosexuelle und Menschen mit Behinderung verachtet. Und das Schlimme ist: Sie tut es ja nicht im stillen Kämmerlein, sie tut es offen, manchmal sogar strafrechtlich relevant, und die Medien laufen ihr trotzdem nach, obwohl diese Partei freie Medien mit anderen Meinungen am liebsten abschaffen würde.

Dann wird in österreich ein neuer Bundespräsident gewählt, und nur, weil sich alle demokratischen Parteien zusammengeschlossen haben, wird ein Kandidat der ebenfalls rechtspopulistischen FPÖ verhindert. Und während man noch einmal erleichtert aufatmet, schafft es diese machtgeile Hau-Drauf-Partei, die Wahl für ungültig erklären zu lassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Demokraten noch einmal gewinnen. Wir müssen mit einem faschistischen österreichischen Bundespräsidenten rechnen.

In Großbritannien gelingt es einer Campagne rechter Chaoten, das Land per abstimmung aus der EU zu befördern, weil die Einwanderungsgesetzgebung zu lasch sei, und weil man ohne die EU 350 Millionen Pfund ins Gesundheitssystem stecken könne. Und obwohl die Brexit-Befürworter direkt nach der Abstimmung öffentlich zugeben, gelogen zu haben, und obwohl sich einige von ihnen nach ihrem Sieg feige aus der Verantwortung stehlen, wird es wohl diesen Brexit geben, und die Popularität dieser Lügner und Betrüger nimmt ständig zu.

In Brüssel, Paris, Lyon, Würzburg und München hat es Anschläge unterschiedlichster Art gegeben. Die Angst lässt uns unsere Freiheit vergessen und abtöten, und wir kopulieren politisch mit einem Massenmörder und Verbrecher wie dem türkischen Präsidenten Erdogan, der sämtliche verfassungstreue Personen entlässt, verfolgt und hinrichten lassen will, nachdem er – meiner Meinung nach – einen Putsch inszeniert hat.

Die Welt, wie ich sie kenne, die Welt der EU oder EG mit menschenrechtlichen Werten, mit dem Versuch internationaler Zusammenarbeit, das alles ist Geschichte. Und die Medien sind sensationsgeil oder schlimmeres.

Hört mir doch auf damit!

Dieser Text hatte viel länger sein sollen, aber ich höre auf damit, ausgeklügelte Texte zu schreiben. Schluss damit! Ich schreibe, was ich fühle, für alles Andere fehlt mir jetzt – nach München – die Kraft!

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

2 Antworten zu Welt aus den Angeln

  1. Nach dem Attentat in München hat sich leider bewahrheitet, was wir beim letzten Lagebesprech beklagt hatten: Jeden Morgen gibt es noch schlimmere Nachrichten als tags zuvor; und das Ganze fast im 24-Stunden-Takt!
    Trotzdem: Wir lassen uns unsere Demokratie, unsere Freiheit und unsere Zuversicht nicht nehmen!
    Solidarität ist Zukunft
    fjh

  2. Sammelmappe sagt:

    Ja, die Welt wird erschüttert und wir weinen und werden weiter Tränen vergießen und wütend sein. Aber wir werden weiter gehen – und vielleicht werden wir das Gute in den Menschen noch mehr suchen und schätzen als je zuvor.

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