Kommentar zum INF-Vertrag: Die Rückkehr des kalten Krieges

Den folgenden Beitrag habe ich für den Ohrfunk am 05.02.2019 veröffentlicht.

Ich kann mich noch genau an diesen 8. Dezember 1987 erinnern, einen trüben Winterdienstag, an dem ich lange vor dem Radio saß. Es war unglaublich: Alle Sender, die in der DDR und die in der BRD, übertrugen live aus Washington die Unterzeichnung des INF-Vertrages über die Vernichtung der landgestützten nuklearen Mittel- und Kurzstreckenraketen zwischen der UdSSR und den USA. Für mich war es ein historischer Tag, das Ende der atomaren Bedrohung, das Ende der Rüstungsspirale, der bangen Fragen bei jedem neuen Konflikt zwischen den Supermächten. Seit dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan und dem Nato-Doppelbeschluss 1979 hatte die Bedrohung ständig zugenommen, und die Bevölkerung im Westen wehrte sich mit Vehemenz gegen Aufrüstung. Erst der Amtsantritt Michael Gorbatschows in der Sowjetunion hatte einen fortschritt in den festgefahrenen Verhandlungen über atomare Abrüstung möglich gemacht. Dieser Dezembertag sah nun den Sieg der menschlichen Vernunft über den Waffenwahnsinn, den Sieg der Menschlichkeit über alle ideologischen Gegensätze und das politische Misstrauen hinweg. Für alle, die damals bewusst lebten, hob sich ein schweres Gewicht von der Seele.

Als ich mit 10 Jahren begann, aktuelle politische Themen regelmäßig zu verfolgen, wurde der Nato-Doppelbeschluss gefasst. Weil die Sowjets überlegen seien, hieß es, werde man 4 Jahre lang verhandeln und dann nachrüsten, falls die Verhandlungen kein greifbares Ergebnis brachten. Anfangs war ich für den Doppelbeschluss, weil ich die atomare Abschreckung für ein legitimes Mittel zur Selbstverteidigung hielt. Erst der Einzug der Grünen in den Bundestag und eine sehr beeindruckende Rede von Petra Kelly bei der Stationierungsdebatte im November 1983 überzeugten mich allmählich davon, in welcher Gefahr wir alle schwebten, wie leicht ein Atomkrieg ausbrechen konnte und wie vernichtend atomare Kriegsgeräte sind. Spätestens seit dem Sommer 1984 wäre ich gern bei jeder Friedensbewegungsdemonstration marschiert, aber zum Einen war ich noch zu jung, und zum Anderen ebbte die Bewegung da schon wieder ab. In diesem Sommer nämlich hörte ich im Radio eine Maxi-Version des Stückes “Two Tribes” von Frankie goes to Hollywood, ein Anti-Kriegs-Song auf dem Höhepunkt des kalten Krieges. Der Schauspieler Patrick Allen liest darin Auszüge aus einer britischen Broschüre an die Bevölkerung, wie sie sich im Falle eines Atomschlages zu verhalten habe. Und nach einigen unsinnigen und nutzlosen Verhaltensregeln hört man eine ruhige Stimme, die sagt: “Mine is the lasw voice that you will ever hear, do not be alarmed.” Die gruseligeVorstellung, eine solche Stimme nach einem Atomschlag einmal im Radio hören zu müssen, hat mich seither nie wieder verlassen.

Der INF-Vertrag, der am 8. Dezember 1987 geschlossen wurde, befreite meine Generation von dem Albdruck, unter dem wir unsere Kindheit und Jugend verbracht hatten, der Wahrscheinlichkeit nämlich, dass irgendwann ein Atomkrieg ausbrechen könnte. Wenn die beiden Großmächte erstmals in der Geschichte einen echten Abrüstungsvertrag schlossen, so glaubte ich, könnte nach und nach die Vernunft siegen und das atomare Wettrüsten beendet werden. Ja: man hörte den Rednern vor der feierlichen Unterzeichnung ihre Erleichterung an. Ronald Reagan sagte: Man habe die Abrüstung geschafft, indem man sich einer russischen Maxime bediene: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Allein das sorgte im Saal schon für Heiterkeit, aber Michael Gorbatschow setzte noch einen drauf und rief in die Rede des US-Präsidenten hinein: “Das sagt er jedes mal, wenn wir uns treffen.” Alle lachten und waren erleichtert, und Michael Gorbatschow erklärte, künftige Generationen würden ihre Version von der Geschichte dieses Tages erzählen, er werde für sehr lange Zeit ein geschichtlicher Meilenstein sein.

Vor wenigen Tagen hat nun US-Präsident Donald Trump beschlossen, den INF-Vertrag aufzukündigen. Über die Atombombe hatte er vor Jahren schon gesagt, sie sei erfunden worden, damit man sie auch einsetze. Der Federstrich eines Wahnsinnigen, eines politischen Dilettanten soll die Arbeit von so vielen Jahren, soll den Erfolg, der unter so großen Schmerzen errungen wurde, einfach wieder zunichte machen, die Zeit zurückdrehen in den kalten Krieg? Das ist mehr als unfassbar.

Damals, 1987, wurden die Verhandlungen von Menschen geführt, die zwar ideologisch verbohrt und auf ihre Weise fanatisch waren, aber sie wussten, was politische Verantwortung war. Einsetzen wollte die Atomwaffe niemand, nicht einmal die Leute, die entsprechende Planspiele entwarfen. Sie hatten alle die Bilder von Hiroshima und Nagasaki noch vor Augen. Heute ist das Anders. Politologen warnen, dass die heutigen politischen Führer wie Wladimir Putin und Donald Trump jedes Verantwortungsgefühl vermissen lassen und in der Lage sein könnten, Atomwaffen einfach skrupellos zu benutzen, wenn es in ihr Kalkül passt.

Die Menschheit ist verrückt geworden. In nahezu allen Ländern werden nur noch Populisten gewählt, die auf den Putz hauen wollen. Bedachtsamkeit, Langsamkeit, Abwägen wird nur noch als Schwäche interpretiert, und Verantwortung gilt als Zögerlichkeit, Uneindeutigkeit oder politisches Gemauschel. Es fehlt nicht viel, und wir werden uns deshalb einfach alle umbringen. Die Instrumente haben wir in der Hand, sobald die lästigen Fesseln des INF-Vertrages abgestreift sind. Dass macht auch etwas mit Verantwortung zu tun hat, das wollen die Autokraten neuen Typs gar nicht wissen.

Solange ich lebe, werde ich mich an diesen kurzen Moment erinnern, diesen trüben Dienstag im Dezember 1987, als es möglich schien, dass der niedere, blutdürstige Mensch über sich hinaus wachsen und für seine Kinder und Enkel eine Zukunft in Frieden anstreben könnte. Dass dies trotz Holocaust und Wettrüsten, trotz der verwüstenden Kraft der ersten Atombomben nicht möglich ist, sagt viel aus über uns und unsere Intelligenz.

In meinem Podcastangebot können Sie diesen Beitrag zusammen mit Ausschnitten aus der Unterzeichnung des INF-Vertrages ebenfalls hören. Hier entlang bitte.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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