Ich bin ein Terrorist

Den folgenden Beitrag habe ich am 02.06.2020 für den Ohrfunk verfasst und veröffentliche ihn hier zur Dokumentation.

Guten Tag, nach vier Wochen Urlaub melde ich mich zurück. In dieser Zeit bin ich zum Terroristen geworden. Sie auch? Sie sind doch sicher auch Antifaschisten, oder nicht? Wir bekennende Antifaschisten werden von Donald Trump nun als Terroristen eingestuft, während er mit Militär gegen die eigenen Bürger vorgeht, auch gegen die friedlich
demonstrierenden. Und warum? Weil sie sich darüber empören, dass ein Mitbürger, dessen Haut zufällig schwarz war, von einem Polizisten ermordet wurde, wie ein mitgelaufenes Video beweist. Wer nicht seiner Meinung ist und das auch deutlich sagt, der gehört jetzt dieser schwammigen Antifa an, der ist Terrorist. Es gibt Polizisten, Soldaten und Amtsträger, die dem Präsidenten in dieser Situation den Gehorsam verweigern, die nicht auf ihre Mitbürger schießen wollen. Leider reicht es nicht für einen Generalstreik der Sicherheitsorgane.

Es gab und gibt kleine Gruppen von Kriminellen, die ihr Randalierertum durch eine sogenannte Antifa-Fahne mit einem politischen Sinn bemänteln. Deren Randale erfüllt aber nicht den Tatbestand des Terrorismus, und man wertet diese Chaoten nur unnötig auf, wenn man ihnen so viel Aufmerksamkeit schenkt. Antifaschismus, bekennender, aktiver antifaschismus, sollte unter Demokraten geradezu eine Lebenshaltung sein, genau wie der Kampf gegen Rassismus, Hass und Hetze.

Die Vorgänge in den USA machen sprachlos, aber genau das wollen sie, sie wollen den Schock, den Unglauben, die Verzweiflung und die Resignation, es festigt ihre Macht. Unsere Antwort kann nicht Gewalt sein, damit verlieren wir Sympathien und setzen uns ins Unrecht, aber sie muss Standhaftigkeit, Klarheit und Rechtschaffenheit beinhalten. Wir dürfen nicht schweigen, wir müssen helfen, wo wir können, und wir müssen unsere eigene Demokratie schützen und erhalten.

Vor einem Jahr wurde Walter Lübcke ermordet. Der rechte Terror zieht auch durch Deutschland. Es ist an uns, an einer Idee festzuhalten, wie sich das Leben künftig organisieren ließe. Ich habe Freundinnen und Freunde, die unser Grundgesetz ablehnen, weil die Wirklichkeit nicht mit den dort postulierten Idealen übereinstimmt. Dabei sind wir es, die durch unser Verhalten dafür sorgen müssen, dass diese Wirklichkeit sich so verändert, dass sie dem Ideal näher kommt. Ein Paradies werden wir nie finden, aber wir, die wir nicht hassen wollen, die wir ein lebenswertes Leben wollen, wir müssen machtvoll und gemeinsam laut sein, denn noch immer sind wir mehr. Der Tod von George Floyd in Minneapolis geht auch uns etwas an, denn er ist unser Mitmensch. Setzen wir uns für unsere Mitmenschen ein, wir würden dasselbe von unseren Mitmenschen auch zu schätzen wissen, wenn wir in Not wären.

Ich bin Antifaschist, und das werde ich bleiben. Donald Trump schüchtert mich nicht ein. Es bedeutet nicht, dass ich keine Angst habe, dass ich nicht verzweifelt bin. Aber es bedeutet, dass ich trotzdem sage, was ich denke. Tun Sie das auch, schrecken Sie nicht zurück.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
Dieser Beitrag wurde unter erlebte Geschichte, Politik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.
Nach oben

Comments

2 Antworten zu Ich bin ein Terrorist

  1. Jürgen Depping sagt:

    Hm, ich bin dann wohl auch ein Terrorist.

  2. Es sind die Worte, Jens, die eine Rolle spielen. Worte tragen eine Bedeutung mit sich, die mit der Realität, der Wahrheit, wenig zu tun haben. Nun muss man Leuten, ich denke da an einige in Hamburg, den Vorwurf machen, dass sie einen Begriff sozusagen versaut haben. Das sind die, die Du wohl meinst. Sie haben sich das Mäntelchen Antifaschismus umgehängt, um dahinter einfach nur Randale zu machen. Wie früher die Rocker oder die Punks. Wäre es an der Zeit, ein neues Wort zu finden?

    Ja, auch ich bin Terrorist, dazu links-grün-versifft, Gutmensch und was nicht noch alles. Ich war auch schon Kommunist, Sozialdemokrat und Freak, als meine Haare noch bis zur Hüfte gingen. Es sind aber nicht die Worte, die eine Rolle spielen, sondern die Taten. In diesem Sinne: weiter machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.