Nach überstandener Covid19-Erkrankung: Trump und die Macht

Den folgenden Beitrag habe ich für die Zeitzone des Ohrfunks von übermorgen geschrieben, veröffentliche ihn aber hier schon jetzt.

Eigentlich war vom ersten Moment an klar, dass Donald Trump seine Covid19-Erkrankung schamlos und verantwortungslos zu seinem Vorteil ausnutzen würde. In den ersten Stunden muss es ihm nicht so gut gegangen sein, dann wurde er vorsorglich ins Krankenhaus gebracht.
Die ganze Welt befasste sich mit den widersprüchlichen Meldungen rund um seinen Gesundheitszustand. Ich habe da schon gedacht, dass er mit den Gerüchten, dass es ihm nicht so gut ging, ein politisches Manöver abzieht. Spätestens als er sich in einer Limousine an seinen jubelnden Anhängern vorbeifahren ließ, war klar, dass er die Krankheit herunterspielen würde, wie er es immer getan hatte. Kunststück: Ihm ist nichts passiert, er hatte die bestmögliche Hilfe, braucht keine Krankenversicherung und wird von den besten Medizinern des landes versorgt. Noch bevor er am Montag Abend das Krankenhaus verließ, teilte er der staunenden Öffentlichkeit mit, dass er nun die persönliche Erfahrung von Covid19 gemacht habe, im Gegensatz zu Joe Biden, und dass er nun viel besser wisse, wie man damit umgeht und als Präsident für den Kampf daher besser geeignet sei. Ein paar Stunden später wandte er sich noch einmal an die Bevölkerung: “Habt keine Angst vor Covid, lasst euer Leben nicht davon bestimmen. Ich fühle mich besser als vor 20 Jahren!” Zu deutsch: ich hab euch immer schon gesagt, dass Covid19 eine Erfindung der Linken ist, Obama ist schuld, und ihr seid alle sicher, egal, was die Anderen sagen. Ich bin hier um euch zu retten vor dem “Deep State” der Linken und Liberalen. Er ist der Messias der von der
Verschwörungswelt der QAnon-Bewegung verseuchten Teile der amerikanischen Gesellschaft. Seine Botschaft nach überstandener, leichter Covid19-Erkrankung ist, wie zu erwarten war, verantwortungslos, egoistisch, verrückt, mörderisch und narzisstisch. Insofern: Stellen wir uns darauf ein, dass er die Wahl im November nicht verlieren wird, er kann es gar nicht. Für ihn und seine Anhänger ist es geradezu ein Naturgesetz, dass er gewinnt, alles andere ist Fake. Von einem friedlichen Machtwechsel können daher auch nur die in seinen Augen kriminellen und naiven Demokraten träumen. Das Schlimme ist, dass er die Institutionen so weit unterwandert hat, dass sie ihm folgen, dass sie ihm nicht widerstehen. Die Journalistin Golineh Atai berichtete in der Sendung Monitor vor einigen Wochen über die Situation in den USA: “„Amerikaner haben einen religiösen Glauben an
Institutionen und deren magische Selbstheilung. Doch tatsächlich sind Institutionen Produkte und Teile der Gesellschaft. Sie werden von der Gesellschaft in Gang gesetzt. Sie können nichts aus sich selbst tun. … Die Convention (der Republikaner zur wiederwahl Trumps) fand auf dem Rasen des Weißen
Hauses statt, 4 Tage wurde gegen den Hatch Act verstoßen, der das Nutzen von Bundesressourcen für parteipolitische Kampagnen mit der Entfernung vom Amt bestraft. Und wir berichten 4 Tage lang einfach darüber – und tragen quasi zur Normalisierung des Trumpismus bei, also der Idee, dass gegen Gesetze ungestraft verstoßen werden kann.”
Zu Trumps Umgang mit den Medien und dem Umgang der Medien mit Trump sagt Golineh Atai:
“„Trump braucht nicht die Medien zu
kontrollieren. Er muss sie nur dominieren. Was ihm gelingt: Wir alle laufen in seine Falle rein. Es gibt keinen guten Weg für einen normalen Journalisten, über Trump zu berichten. Berichten wir, tragen wir zur Normalisierung und Verstärkung des Trumpismus bei. Normalisierung passiert, wenn wir einräumen, dass etwas von dem wir dachten, dass es unvorstellbar sei, tatsächlich eintritt. Dadurch wird es zur Norm. “Objektivität” als falsch verstandene extreme Zurückhaltung – also etwas Rassistisches nicht als Rassismus und etwas Unwahres nicht als Lüge zu kennzeichnen – dient der Normalisierung. Der Schaden ist schwerer zu beheben als wir denken. Er hat 200 Bundesrichter und 2 Oberste Richter ernannt. Und Trumps Kandidaten richten sich gegen die eigentliche Idee und Kultur einer Justiz, die mit Wissen und Verantwortung und im Glauben an die Gewaltenteilung handelt.”

Wir erleben also einen Präsidenten, dem nichts heilig ist außer der Macht, und der sie ausschließlich und ohne Vorspiegelung eines höheren Zieles für seine persönlichen Interessen nutzt. Die Hälfte des Volkes jubelt ihm zu und hält ihn für den Messias, genau den Mann, der all die Ungerechtigkeiten offen und schamlos begeht, die er anderen Politiker*innen mehr ankreidet, als es selbst die schlimmsten unter ihnen verdienen. Glauben wir ja nicht, dass mit der Wahl sich etwas ändert oder gar alles vorbei ist. Trump ist egal, ob es um sein Verbleiben im Amt einen Bürgerkrieg gibt oder ob Millionen wegen seiner Unverantwortlichkeit und Menschenverachtung sterben. Hauptsache, alle gehorchen ihm. Die Demokratie ist unter ihm bereits wie ein morscher Balken zusammengebrochen, die Checks und Balances, von denen das amerikanische System lebte, wurden mit Leichtigkeit ausgehebelt. Wer auf die Wahl vom 3. November hofft, der glaubt an das Ende einer Geschichte. Es dürfte der Anfang einer noch viel schlimmeren sein.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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