Die Rückkehr des alten weißen Mannes

Den folgenden Kommentar habe ich nach der Wahlnacht für Ohrfunk geschrieben.

Donald Trump sei das letzte Aufbäumen des patriarchats gegen seine Entmachtung, haben sie gesagt. Die immer diversere Gesellschaft sei auf die Dauer stärker, haben sie gesagt. Der Hass, die Arroganz, die Menschenverachtung hätten auf die Dauer keine Chance, haben sie gesagt. Wie naiv musste ein nach Harmonie strebender Mensch wie ich sein, um ihnen zu glauben, sich eine freundlichere, kooperativere,
gleichberechtigtere Gesellschaft zu wünschen? Als ich am Mittwoch morgen um 8 Uhr die Sondersendung des Ohrfunks zur Präsidentschaftswahl beendete, spürte ich nur noch frustrierte, traurige
Niedergeschlagenheit. Der alte weiße Mann ist nicht zu besiegen. Je umkämpfter seine Burg ist, je sicherer sein Untergang scheint, desto stärker mobilisiert er seine Kräfte. Die Demoskopen, denen wir doch schon seit 2016 kein Wort mehr glauben dürfen, sagten uns, die vielen Briefwahlstimmen seien ein gutes Zeichen für die Demokraten. Sie behaupteten, Donald Trump habe seine eigenen Anhänger enttäuscht, denen es nicht besser ginge als zuvor. Und wir wollten Hoffnung haben. Mit unserem weichen, nachgiebigen Verstand produzierten wir die Illusion, 4 Jahre irrlichternder, gefährlicher, menschenverachtender, pathologisch unberechenbarer und egomanischer Politik hätten viele mit schrecken erkennen lassen, wie nahe sie am Abgrund stehen. Wir wollten an die Vernunft des Menschen glauben. Dabei neigen alle Menschen, die sich stark genug wähnen, andere zu übertölpeln, dazu, ihre scheinbare Macht bis zur Neige auszukosten und einzusetzen. Die Menschen verzeihen dem schamlosen Ausbeuter Donald Trump seinen Reichtum, seine Extravaganzen, seine Verachtung der Arbeiter, wenn er nur für sie mit dem Finger auf andere zeigt und die Wut über die ausbeutung und Menschenverachtung auf die lenkt, die wenigstens im Ansatz einen Ausgleich der Interessen versuchen. Seinen Anhängern kommt es nicht darauf an, dass er ihre Lebensverhältnisse verbessert. Sie wollen nur eins: Macht spüren. Alte, und leider auch junge, weiße Männer eben.

Ja: Noch ist es rechnerisch möglich, dass Joe Biden die Wahl gewinnt und der 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird. Es ist unwahrscheinlich, aber rechnerisch immer noch möglich. Es wird nur nichts mehr ändern. Das weiße, rassistische, frauenverachtende, Arbeiter ausbeutende Amerika ist stark genug, die Geschicke weiterhin zu bestimmen. Von wegen, der alte weiße Mann kämpfe seinen letzten Kampf, er kehrt mit Macht zurück, oder weiß zumindest, wie er sie so lange behauptet, bis seine Gegner an der eigenen Machtlosigkeit, dem eigenen Unvermögen zerbrechen, bis sie sich gegeneinander anstatt gegen den gemeinsamen Feind wenden. In Amerika und europa waren die Geschwächten, die Müden, die als Gutmenschen verspotteten, die, über die man lacht und über die man hinweggeht, bereit, sich noch einmal zu engagieren, alle Kraft zusammenzunehmen, um diese große, letzte Anstrengung zu schaffen, den frauenverachtenden Rassisten aus dem Amt zu wählen. Überwältigend viele Briefwahlstimmen gingen trotz der Probleme ein, die Trump der Post beschert hatte. Und jetzt lacht der alte weiße Dämon sein unverschämtes Hasslachen, denn es waren zum großen Teil seine Stimmen. Seine Anhänger blieben wegen der Pandemie zu Hause, an die sie doch nicht glauben. Die Kräfte erlahmen, in Europa wie in amerika. Der Faschismus ist allenthalben auf dem Vormarsch. Ihn aufzuhalten hieße, die menschliche Natur, die Gier, den Dünkel, den Reichtum an sich zu besiegen, nicht durch eine von oben aufgezwungene Ideologie, sondern in unseren eigenen Herzen und in den Herzen der Mächtigen.

Mit guten Freund*innen und klugen Köpfen habe ich die Wahlnacht durchgestanden, wir alle waren vorsichtig optimistisch. Wir wollten glauben, dass diese Nacht der erste Schritt hin zu einer kleinen Chance war, einen friedlichen Übergang zu einer vielfältigeren, friedlicheren Gesellschaft zu finden. Das klingt hochgestochen, aber jeder Erdrutschsieg Bidens wäre selbst dann eine Chance gewesen, wenn er ein gemäßigter Republikaner gewesen wäre, schon weil es gelungen wäre, Donald Trump und die extreme Rechte zu entmachten, einen hauch von bürgerlicher Mitbestimmung zu retten, ohne die Utopien wie ein demokratischer Sozialismus gar nicht erst gedacht zu werden brauchen. Es sollte nicht sein.

Die Mutter eines guten Freundes hat gesagt: Wenn sie in Amerika Trump wiederwählen, dann haben sie nichts anderes verdient. – Und was ist mit uns? Haben wir dann nächstes Jahr einen Friedrich Merz verdient, der mit einem Alexander Gauland koaliert? Sieht so unsere Zukunft aus? Ist dies alles zwangsläufig? Ich sehe, wie schwer es schon in der Lokalpolitik ist, die Menschen von etwas anderem als der AfD oder der populistisch gewendeten CDU zu überzeugen. Müdigkeit und Resignation erfassen alle, die jetzt seit Jahren kämpfen und immer wieder zu hoffen bereit sind. Und was müssen sie jetzt erleben? Die Rückkehr des alten weißen Mannes, den Terror der extremen Rechten und der extremen Religiösen. Frechheit siegt, heißt es, Dreistigkeit verführt und ist attraktiv, auch für die Opfer. Wo soll die Kraft herkommen, sich diesem Dauerfeuer länger zu widersetzen?

Also: Schauen wir auf die Zahlen, und wenn Joe Biden doch noch gewinnen sollte, trinken wir ein Gläschen und geben uns hoffnungsvoll, was bleibt uns auch anderes übrig? Und wenn Donald Trump gewinnt? Na, dann zucken wir halt mit den Achseln. – Das Leben geht weiter! Muss ja!

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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