Kriegstagebuch 10: Der Kipppunkt scheint nahe

Tag 10: Militärisch fasst Russland Fuß, moralisch ist es am Ende.

In all den Tagen seit Kriegsbeginn habe ich in diesem Tagebuch nicht den militärischen Verlauf des Konflikts verfolgt und beschrieben, oder nur in seinen wichtigsten Komponenten und Auswirkungen. Mir ging es darum, was dieser Krieg mit jemandem wie mir macht. In meiner radikal linken Vergangenheit habe ich alles gehasst, was westlich und kapitalistisch war, habe aber immer von den Annehmlichkeiten des Kapitalismus profitiert. Zwar gehörte ich tatsächlich zum ärmeren Teil der Bevölkerung, aber es gab Dinge, die selbstverständlich waren: Telefon, Radio, warmes Wasser, Strom zu allen Tages- und Nachtzeiten, Heizung, Obdach und Grundversorgung. Und als ich mir mehr leisten konnte, habe ich das auch getan. Ich war mir immer bewusst, wie gut ich es hatte, das hielt mich aber nicht davon ab, die Segnungen unserer Gesellschaft zu genießen und trotzdem voller Abscheu auf die Auswüchse zu blicken. In allen Punkten, die Gerechtigkeit und Vermögensverteilung betreffen, hätte ich mir eine linkere, sozialistischere Politik gewünscht, nur die Regierungsform fand ich gut, wie sie nach dem Grundgesetz war. Natürlich hätte ich es gern gesehen, wenn Deutschland der friedlichste und diplomatischste Staat der Welt gewesen wäre. Vielleicht haben sich die Deutschen Regierungen sogar Mühe gegeben. Ich habe immer eine fast perfekte Regierung gewollt, aber wie hätte das möglich sein sollen im Land der Nazis, der Henker und Schlächter? Und so habe ich wohl manchmal den Wert unserer Freiheit nicht erkannt, habe klein geredet, wie weit wir gekommen waren. Jetzt, wo alles in Trümmern zu liegen scheint, was wir erreichten, kommt es mir zu Bewusstsein. – Und doch begreife ich , dass wir auch jetzt noch 1000 mal besser dran sind, als es die Menschen in der Ukraine, in Syrien, Afghanistan, Äthiopien, dem Iran und vielen anderen Krisengebieten von sich sagen können. Demut und Dankbarkeit sollen mich leiten, wenn ich ein paar Worte zum 10. Kriegstag sage.

Die russische Armee marschiert auf das dritte Atomkraftwerk zu. Zwei hat sie schon unter Kontrolle. Gleichzeitig wurden von ukrainischer Seite offenbar Anschläge auf den Präsidenten Selenskyj vereitelt. Viele dieser Berichte lassen sich nicht unabhängig nachprüfen. In Mariupol sollte eine Feuerpause zur Evakuierung der Bevölkerung eingehalten werden, aber die russische Armee hat die Flüchtlinge offenbar beschossen. Beide Seiten werfen sich Bruch des Waffenstillstandes vor. Westliche Sanktionen waren heute für Wladimir Putin mit einer Kriegserklärung vergleichbar. Das allein würde nach seinem Verständnis einen Angriff mit Atomwaffen rechtfertigen. Übrigens ist es interessant, dass der Journalist Jürgen Döschner den russischen Präsidenten schon vor 22 Jahren recht gut einschätzen konnte und ihn für gefährlich hielt, nur drei Monate nach seinem Machtantritt. Hier können Sie das Portrait hören.

Wolodymyr Selenskyj, der weltweit bewunderte und zum Symbol gewordene ukrainische Präsident, der nur wenige Tage vor Kriegsbeginn noch jede Wahl verloren hätte, verlangte von seinen westlichen Verbündeten die Lieferung von Flugzeugen, und zwar dringend! Jetzt, wo die russische Armee mehr Boden gewinnt, muss er ihr sofort etwas entgegensetzen, um den Krieg nicht doch noch schnell zu verlieren.

Die NATO widersetzt sich immer noch jeder eigenen Einmischung in Kampfhandlungen, und die US-Atomwaffen sind nicht in Alarmbereitschaft versetzt worden. Sie widersetzt sich auch der Forderung der Ukraine, über ihrem Staatsgebiet eine Flugverbotszone einzurichten. Wenn sie das täte, käme es womöglich zu direkten Kampfhandlungen zwischen NATO-Flugzeugen und russischen Einheiten, damit würde die NATO zum Kriegsteilnehmer. Doch natürlich will sie das unter allen Umständen vermeiden, wenn es die ukrainische Führung auch wahnsinnig macht und wie Verrat aussieht.

Stattdessen bin ich mal gespannt, wie die Vermittlungsgespräche des israelischen Ministerpräsidenten verlaufen, der heute in Moskau war und danach Präsident Selenskyj und Bundeskanzler Scholz besuchte. Bislang ist nichts inhaltliches durchgedrungen, was ich eher begrüße.

Die Welt hat sich in den letzten 10 Tagen verändert. Ich weiß nicht, ob noch stimmt, was viele Aktivist*innen vor 50, 60 Jahren sangen: We shall overcome. Ich bin mir da nicht sicher. Beschämt muss ich feststellen, dass auch ich oft ein Eurozentrist bin. Der Krieg in der Ukraine geht mir anders nahe, als es der Krieg in Äthiopien tat, bis ich eine Person kennenlernte, die von dort stammt. Ich glaube schon, dass es bis zu einem gewissen Punkt allen Menschen so geht. Trotzdem blicken wir viel zu selten auf den großen, übergroßen Rest der Welt. Hunderttausende Ukrainer*innen werden kommen, und zunächst werden wir sie freundlich aufnehmen. Die Spannungen folgen später, wenn uns wieder einfällt, dass wir Pandemie haben, dass die Todes- und Infektionszahlen wieder steigen, wenn wir begreifen, dass die Politik trotzdem an den Lockerungen festhält. Irgendwann werden wir feststellen, dass die Benzinpreise nicht wieder sinken, und das wird fast einen Aufstand wert sein. Beim Auto kennt der Deutsche nix!

Ich würde mich wohler fühlen, wenn wir in Europa endlich begreifen würden, dass wir gegen diesen wahnsinnigen Diktator im selben Boot sitzen. Wir müssen lernen, ehrlich miteinander zu sein. Für unsere Werte und den Schutz der Ukraine müssen wir auf einiges von unserem Wohlstand verzichten. Es wäre schon früher nötig gewesen. Jetzt aber gibt es kein einfaches Zurück mehr. Wenn wir helfen und uns selbst etwas gutes tun wollen, müssen wir innerlich stark, freundlich und hilfsbereit sein, und bereit, Probleme auf uns zu nehmen und gemeinsam zu lösen. Wir müssen mit neuen Realitäten leben, und das ist schwer, das weiß ich.

Gute Nacht.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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