Der letzte Spaziergang

Lass uns noch einmal die Wege gehen, die so vertraut uns gewesen sind. Und lass uns noch einmal in Gedanken sehen, wie das war, als ich noch Kind gewesen bin. Noch einmal, zum Abschied.

Lass uns noch einmal dort von der Autobahn abfahren, die große, geschäftige Landstraße entlang, die selbst nachts nicht schweigt. Lass uns dann rechts abbiegen und schon die Stille spüren, als wären wir schon jetzt in einer anderen Welt. Lass uns aussteigen und den geraden, asphaltierten Weg entlangschlendern, der Weg, der keinen Bürgersteig hat, rechts und links von Wiesen und Sträuchern begrenzt. Lass uns hören, wie hinter uns die Geräusche der Straße leiser werden, und wie dann links das Blöken der Schafe und Ziegen zu uns herüberschallt. Lass uns noch einmal die Kinderstimmen hören, wenn die Kleinen dort auf den Schaukeln sitzen. Und dann der Platz vor der Einfahrt. Links das Büro, die Verwaltung, die Rezeption. Weißt du noch, als hier der kleine Laden war, in dem wir immer Kleinigkeiten während unseres Urlaubes kaufen und ein Schwätzchen halten konnten? Weißt du noch, wie wir hier auf der Treppe saßen, nachts um 11 in tiefster Dunkelheit, und wie wir Händchen hielten und die Welt genossen, während die Menschen an uns vorbeiflanierten und glücklich waren. Weißt du noch, wie viele Eis am Stiel wir auf dieser Treppe sitzend verspeisten, im Sommer, wenn es hell und freundlich war? Und geradeaus der Weg in die Felder. Lass noch einmal den Hund von der Leine, damit das alte Mädchen sich tollt am Feldrand, sich voller Dreck macht, einsaut bis wir sie kaum noch wiedererkennen. Lass uns den Traktoren noch einmal lauschen, die dort im Feld ihre Saat ausbringen. Lass uns den Strahl der Sprinkleranlagen noch einmal hören, den Duft des Dungs riechen, mit dem die Felder besprüht sind. Lass uns eine große Runde um die Felder drehen, vorbei an den Kühen, den Bauernhäusern. Weißt du noch, der kleine Hund, der uns jahrelang nachgelaufen ist, wenn wir mit unserer Hundedame vorbeigekommen sind? Lass uns noch einmal bei Jan und Christin anhalten, bei dem Bauernhaus, wo wir Obst, Eier, Käse, Kartoffeln kaufen konnten, und natürlich frische Milch. Lass uns die beiden alten Leutchen noch einmal herzlich grüßen. Vielleicht haben sie ein Gürkchen, das sie uns geben wollen. Lass uns das Bellen ihrer großen Hunde hören, das Rauschen ihrer Maschinen, den Kies auf dem Parkplatz vor ihrem Haus, wenn ein Kunde kommt, um Milch und Eier zu kaufen.

Und rechts die Schranke. Lass uns noch einmal hineingehen, noch einmal Heelderpeel betreten. lass uns den noch asphaltierten Hauptweg entlang gehen, wo die Autos nur 10 Stundenkilometer fahren. Lass uns in der Abenddämmerung die kleinen Feuer riechen, das Lachen von den Grundstücken hören, wo sie sitzen und essen, schwatzen und singen. Lass sie uns noch einmal grüßen, die Freunde aus vergangnen Tagen, lass die Hunde noch einmal bellen, wenn wir vorübergehen. Lass uns aus der Ferne das Dröhnen des Basses aus dem Festsaal der Kantine hören. Weißt du noch die kleinen Hunde, diese Pocketmans, die uns jahrelang anbellten, wenn wir hier entlang gingen?

Dort vorn ist das geschlossene Tor, hinter dem der Reiterhof liegt. Weißt du noch, wie oft wir an ihm vorbei in den Wald gegangen sind, ans andere ufer des Sees, damit unsere Hundedame sich im Schlamm, Dreck und im Wasser tummeln, rollen und schwimmen konnte?

Lass uns rechts abbiegen auf den Sandweg. Schnupper mal. Dieser Sandgeruch ist unverwechselbar. Er ist Heimat. Rechts und links wieder die kleinen Häuschen mit den teilweise vertrauten Stimmen von Tier und Mensch. Lass uns langsam gehen, die Lieder hören, die sie singen, die Witze, über die sie lachen. Lass uns das Fleisch riechen, das sie grillen und braten über den Feuern. Dort vorn ist die Kreuzung mit dem Weg, der links zum See führt und rechts zur Kantine. Wie oft habe ich dort bei der Talentenjagd jeden Sommer mitgemacht, und wie oft sind wir in den letzten Jahren dort gewesen, um etwas zu essen, oder wir haben uns von dort etwas geholt. Lass uns noch eine Pommes essen, am liebsten mit Mayo, und zwei dicke Frikandeln-Spezial. Und als Nachtisch kanns du dir ein Softeis holen.

Und wenn wir weitergehen, dann hören wir noch einmal Rico, den Graupapagei, der wie eine Amsel klingt und uns von weitem begrüßt. Lass uns ihm einen Moment lauschen, dem vielstimmigen, guten alten Rico, bevor wir an ihm vorbeigehen, bis auf den Platz vor unserem Haus. In meiner Erinnerung aus den verschiedensten Zeiten stehen drei Häuser vor uns. Links Heidi, die auch abends noch an ihrem Häuschen bastelt und deren Hämmern manchmal bis um halb elf zu hören war. Rechts Inge und Wolfgang. Wolfgang, der immer fröhliche Sänger mit der Bassstimme, Inge, die Frau mit der resoluten, schrillen Stimme. Sie hat ihren Mann immer kommandiert und Liebling zu uns herübergebrüllt, wenn er bei uns war. Wie oft haben wir zusammen gesessen, gesungen, gefrühstückt, gelacht, getrunken, gegessen. Wie oft zusammen gebaut und gearbeitet.

Und dann in der Mitte unser Haus. Lass uns auf die Terrasse gehen. Dort steht der große tisch mit den vier Liegestühlen. Weißt du noch, wie oft wir draußen saßen, schrieben, Musik hörten, unsere Nachbarn mit Musik und Hörspielen unterhielten? Wie oft wir abends an diesem Tisch saßen und Keyboard spielten und sangen. Siehst du noch meine Mutter da sitzen und ihre Geschichten erzählen von früher? Und der Sonnenschirm schützt uns vor der Sonne, und die Gläser sind mit Bierdeckeln gegen die Insekten belegt. hörst du noch das Planschen der Kinder vom See her? Und wenn es still wird, hörst du dann noch die Enten quaken? Lass uns noch einmal die Frösche hören tief in derNacht und am frühen Morgen im Juni, von dieser Terrasse aus. Lass uns das warme Licht der tief stehenden Sonne genießen. Und dann, wenn es kühl zu werden beginnt, lass uns noch einmal hineingehen in den durch die Gasheizung erwärmten, großen Wohnraum. Lass uns in der türe stehen und noch einmal auf den Tisch schauen, groß und rund, mit der Eckbank auf der wir saßen und würfelten. 21000 spielten wir, Kniffel und 30. Meine Mutter hat immer so gern gespielt, und die Kinder: Tanja, Nicole und Cora waren auch wahre Spielteufel. Auf dem Stuhl in der Ecke neben dem Abfalleimer stand immer die Tasche, in der sich die Utensilien befanden, die meine Mutter brauchte, wenn sie in die Kantine ging zum Bingo-Spielen, oder Kinen, wie das bei uns hieß. Die Tasche steht noch da… Weißt du noch, wie oft wir hier an diesem Tisch die leckersten Sachen gegessen haben, die sie für uns gekocht hat? wieviele Flaschen Wein, oder wieviele Gläser Bowle wir hier getrunken haben? Diese Nacht, in der ich so viel durcheinander getrunken habe, dass ich einen riesigen Kater hatte… – Dieser Abend mit Reinhard und Renate. Reinhard, den sie immer den Entenvater nannten, weil er die Enten und die Gans im See immer gefüttert und hoch zu uns gelockt hat… Rechts der Wohnzimmertisch mit den Sesseln und der Sitzbank, wo immer mein Rechner stand, wo ich immer Tagebuch schrieb, wenn wir über mehrere Wochen hier waren. Der Fernseher in der Ecke, der schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr richtig geht. Weißt du noch, wie sehr es uns nervte, wenn Mutti ihn anschaltete und ihr egal war, wie grausam der Ton klang? Der Setzkasten an der Wand über der Gasheizung, der meinem Vater so gefiel, und den Niemand abgenommen hat, als er gestorben war… Wie oft haben wir hier gesessen und gelesen mit Eckart, voller Spannung und Erwartung…

Lass uns durch den kleinen flur in die beiden Schlafräume gehen. Der erste Raum, der früher immer mein Zimmer war, der jetzt so schrecklich aussieht. Dort habe ich so oft im Bett gelegen, ich habe dort Radio gehört, meine eigenen Spiele gespielt… Ich war dort glücklich, wenn auf dem Schrank die Bowle zum ziehen oder der eingelegte Sauerbraten standen, wenn ich holländische Hits hörte, Hörbriefe an meine Freunde machte, die vielen Vögel hörte. Lass uns noch einmal den Regen hören, wie er auf das Dach prasselt, wie früh morgens die Eichhörnchen über die Zeltplane laufen, auf der Jagd nach ihren Eicheln und Nüssen, frech und ungeniert. Wie oft habe ich hier mit Helmut und Mark gesessen und Staat gespielt, Politik gemacht… – Was waren das für schöne Zeiten mit unserer Mikronation…

Der zweite Raum, unser heutiges Schlafzimmer. Alle Schränke und Regale in diesen Zimmern haben meine Eltern selbst gebaut, weißt du? Auch die Betten, und dort haben wir vor ein paar Monaten das letzte mal gelegen und seelig geschlafen. glücklich waren wir hier, sorglos und frei. Wie oft hat unser Hundemädchen auf diesem Teppich ein Schweineohr verspeist. Wie oft haben wir uns hier umgezogen, um in den See zu springen, und weißt du noch, dass Holly, unsere Hündin, uns nachgeschwommen ist und uns einen Ring gebracht hat, den wir uns zu dritt immer hin und her zugeworfen haben? Weißt du noch, wie schön das war, und wie stolz wir auf unseren Hund waren? Glück ist dieser Ring in meiner Hand, während vor mir der Hund paddelt und schnaubt…

Weißt du noch, wie wir alle bei einer Feier so viel Zaziki gegessen haben, dass du es kaum mit mir im selben Zimmer ausgehalten hast?

Komm, es wird zeit, zurückzugehen. Dort ist das Badezimmer, das im ersten Jahr mein Wohnraum war. Dort stand auch mal mein Bett, bevor die beiden anderen Zimmer fertig waren. Damals, als alles anfing, war hier nicht mehr als der heutige Wohnraum.

Es wird Zeit: Schalte das Licht an der Tür aus, auch die Außenbeleuchtung, die so schnell anging, wenn wir mit der Hand zufällig ohne es zu bemerken an den Schalter kamen. Nehmen wir unsere Taschen auf. Es ist egal, dass die Papiere auf dem Tisch liegen. Es ist egal, dass wir nicht gespült haben. Lass einfach alles so, wie es ist. lass uns hinter uns die Tür ins Schloss ziehen, und auch, wenn es egal ist, lass uns noch einmal die Fliegentür schließen und dieses magnetische Klapp hören. Nimm den Hund an die Leine, du weißt doch, dass er auf dem Gelände nicht frei laufen darf. Lass uns zurück gehen zum Auto mit unseren Taschen, lass uns einsteigen. und wenn wir an die Schranke kommen, soll Eckart noch einmal die Hand mit dem Codeschlüssel ausstrecken, damit sie sich hebt. Dann lass uns anhalten, und ich bringe ihnen den Schlüssel ins Büro. Dann lass uns noch einmal aussteigen und den Müll in den Kontainer werfen. Ich weiß noch, wie Eckart und ich hier die kaputte Glasscheibe unserer Terrassentür abgeliefert haben. Glas ist schwer, sage ich dir.

Und jetzt, drehen wir das Auto und fahren den stillen Weg mit den Schafen und Ziegen entlang, der Straße entgegen. Lass uns nach links abbiegen und nicht mehr zurückschauen, dorthin, wo ein Teil unserer Herzen und unseres Glücks geblieben sind.

Aufwiedersehen Heelderpeel!

Copyright 2006, Jens Bertrams.


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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

7 Kommentare zu Der letzte Spaziergang

  1. Das Nest sagt:

    Eigentlich hab ich gar keine Worte. Gut, daß ich beim schreiben nicht auf die Tasten gucken muß, denn das könnte ich jetzt nicht…

    Ein schöner Abschied für unser Zuhäuschen. Und schön auch, daß jetzt mal vielleicht ein paar Menschen lesen können, wie glücklich wir zwei sind, wenn es sich auch grrad im Moment nicht so anfühlt, wo wir am Sonntag unser Häuschen endgültig begraben.

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  3. Gang zufällig hier vorbeigeschippert und ein Stück Abschied miterlebt…aber auch die Behaglichkeit, Vertrautheit, Geborgenheit mitgenommen, die dieses Paradies offensichtlich geschenkt hat.
    Schön und traurig. Berührend.

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  7. Christian Knoff sagt:

    Habe gerade Nachtdienst in Uniklinikum. Alle Patienten schlafen und ich bin eher zufällig hier auf diesen wunderschönen Text gestossen. Habe ebenfalls wundervolle Momente in meinem Königreich Heelderpeel erleben dürfen:-) Habe mit meinen Eltern von 1978 bis 1989 dort einen Wohnwagen gehabt und frage mich, ob wir uns nicht kennen, Jens. Oder zumindest nicht ab und an über den Weg gelaufen sind. Dein Nachname sagt mir jedenfalls nichts. Würde mich über ńe Antwort freuen. Grüße Christian

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