Eine Art verspätete Neujahrsansprache

Eine Woche ist das Jahr schon alt, und die Staatsoberhäupter und Regierungschefs haben ihre mehr oder minder wichtigen Neujahrsgrüße bereits der Welt mitgegeben auf ihren Weg in das neue Jahr. Da will auch ich nicht zurückstehen.

Zunächst einmal wünsche ich Ihnen und Euch, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie alle gut ins neue Jahr gekommen sind. Das ist ja immer so ein Moment, in dem man sich viele Dinge vornimmt. Für einen kurzen Moment habe ich mir zum Beispiel vorgenommen, täglich zu bloggen, bis mir klar wurde, dass Neujahrsvorsätze ziemlich frustrierend sind, wenn man sie nicht einhält, auch dann, wenn man von vorneherein weiß, dass man es nicht tun wird. 🙂

Das neue Jahr scheint gern mal mit einer Energiekrise zu beginnen. Und oft sind Russland und die Ukraine beteiligt. Es ist, als hätten die Beiden ein Abkommen, dass es immer zum 1. Januar Spannungen geben soll. Schaut man mal ein wenig dahinter, ist das leider gar nicht mehr lustig. Russland hat offenbar in den letzten Jahren gelernt, dass es eben keine Militärsupermacht mehr ist, wie noch zu Zeiten des kalten Krieges, dass es aber wirtschaftlich einen beträchtlichen Teil der Welt kontrolliert, weil es das Gas hat. In dieser Hinsicht war ja die alte UdSSR erheblich zuverlässiger als der Machtbesessene Herr Putin, der – machen wir uns nichts vor – im Kreml immer noch die Regie führt.

Außerdem ist der Nahostkonflikt – leider muss ich sagen „wiedereinmal“ – in den Nachrichten sehr prominent. Israel müsste mittlerweile wissen, dass es keine Chance hat, die Hamas in Ghaza zu zerschlagen, und dass dieses Vorgehen nur noch mehr Hass und Gewalt provoziert und Israel keinerlei Entspannung beschert. Aber auch hier scheint es wie ein Abkommen: Nur nicht raus aus diesem ewigen Kreislauf, ganz egal, was der Papst zu Weihnachten immer wieder wünscht. Je mehr sich die Nachrichten gleichen, je mehr man das Gefühl hat, das alles schon einmal gesehen zu haben, desto mehr stumpft man ab. Man möchte eine Mauer bauen um das ganze Gebiet und sagen: „Kommt wieder raus, wenn ihr euch beruhigt habt, hier ist das notwendige Klopfzeichen, und jetzt bekämpft euch, schlagt euch meinetwegen die Köpfe ein, uns aber belasst in unserer unideologischen Ruhe.“ Natürlich wäre damit niemandem geholfen, aber womit wäre jemandem geholfen? In einer Debatte zu diesem Thema habe ich vor ein paar Tagen meinen derzeitigen Lieblingsvorschlag geäußert, musste aber gleichzeitig bekennen, dass er nie umgesetzt werden wird, obwohl er nach meiner Ansicht praktikabel ist. Entscheidet selbst:
Die internationale Gemeinschaft müsste eine große Armee ausrüsten, und zwar unter massiver Beteiligung der arabischen Staaten, und diese Armee müsste das Gebiet des künftigen palästinensischen Staates besetzen, und natürlich den Teil Israels, in dem immer die Raketen einschlagen. Diese Armee muss die Zugangswege zur Westbank und Ghaza offen halten und die Kontrolle von Israel im Namen der Palästinenser und der Welt übernehmen. Sie sorgt für Lebensmittellieferungen und den Aufbau der Infrastruktur. Gleichzeitig entwaffnet sie die Radikalinskis, soweit es ihr möglich ist. Außerdem hindert sie Israel daran, nach einem Mückenstich mit dem Getrampel eines Riesen zu antworten. Israel und die palästinensische Führung geben sich gegenseitig erneut eine Bestandsgarantie, Israel sorgt gleichzeitig für wirtschaftliche Unterstützung Palästinas, eine psychologisch nicht zu unterschätzende Maßnahme. Wer satt und zufrieden ist, denkt oft anders über Ideologie, vor allem dann, wenn der Hass auf den Andern aus existenziellen Gründen entstand. Die Weltgemeinschaft, auch und vor allem die arabischen Staaten, beteiligen sich am Aufbau Palästinas, sorgen für Schulen und Universitäten, für Bildung, niedrige Arbeitslosigkeit, das Ende der Flüchtlingslager. Israel ermöglicht die Rückkehr einstmals geflohener Palästinenser, zahlt eine Entschädigung und behandelt sie nicht wie Bürger zweiter Klasse. Die israelischen Siedlungen im Staate Palästina werden aufgelöst. Wenn wir das mal zwei oder drei Generationen durchgehalten haben werden, so hoffe ich, ist der gegenseitige Hass auf verbale Abneigung heruntergeregelt worden, die es überall gibt. Ist aber nur eine Hoffnung. Und so lange es Menschen gibt, die vom jetzigen Zustand profitieren, wird man sich in dieser Hinsicht auch nicht zusammenraufen. Es gibt so viele, die Schuld sind an der jetzigen Misere, dass man es gar nicht zählen kann.

Was noch? Ah ja, die zweite Stufe der Vorratsdatenspeicherung ist wirksam geworden. unser Tun im Internet, zumindest unser wann und wie lange, wird jetzt protokolliert und überwacht. Das ist ungefähr so, als würde man im Postamt festhalten, wer an wen einen Brief schreibt. Zugegeben, offiziell wird vom Inhalt des Briefes, oder hier der Mail, noch keine Notiz genommen, aber es ist ein kleiner Schritt bis dahin. Freut euch, wir sind alle unter Terrorismusverdacht. Stellt euch das mal vor: Ein ganzes Volk wird von jetzt an verdächtigt, Terroristen zu sein, man beugt vor und überwacht unseren Mailverkehr, legt möglicherweise Profile an, wie weit links wir sind oder so, zu wem wir Verbindungen haben und so weiter. Das zumindest kann man tun, ohne den Inhalt unserer Mails zu kennen. Drum schreibe ich das hier gleich öffentlich, dass ich dies für Polizeistaatsmethoden und für eine Menschenrechtsverletzung halte.

Trotzdem: Jede und jeder von uns kann etwas tun, davon bin ich fest überzeugt. Vielleicht nur im kleinen und im eigenen Umfeld, aber es geht. Ich werde mich jedenfalls davor hüten, wirklich abzustumpfen, und ich werde auch aus Angst vor Terrorismusverdacht nicht meine Klappe halten.

So, und jetzt freue ich mich darauf, etwas zu essen. Ich wünsche ein gesegnetes und glückliches 2009.

© 2009, Jens Bertrams.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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