Gedankenprotokoll II – Widersprüchliche Nachrichten

Meine ungefilterten Gedanken am Tag, an dem man nicht weiß, ob es in Japan eine Kernschmelze in einem Atomreaktor gab oder nicht.12.03.2011, 13:07 Uhr: Ich musste schlafen, aber meine Liebste weckt mich mit der Meldung, dass der Super-GAU eingetreten ist. Ich möchte mich informieren vor dem Frühstück.

13:15 Uhr: Die CDU erteilt frech einer neuen Atomdebatte eine Absage, lese ich gerade. Japan ist weit weg. Diese verdammten Zyniker wollen weiter mit dem Leben der Menschen spielen!

13:20 Uhr: Jetzt schreiben und berichten sie natürlich alle, wie ich sagte, jetzt ist die Katastrophe da. Mich erfasst das Grauen, aber keiner setzt sich dafür ein, die Atomenergie sofort abzustellen. Immer noch hole ich die letzten 5 Stunden nach, kein Gedanke an das leckere Frühstück, das meine Liebste gebaut hat.

13:25 Uhr: Was glauben sie eigentlich, mit einer Evakuierungszone von 20 KM nach der Explosion ausrichten zu können? Wer würde jetzt noch sagen, Japan war auf die Katastrophe gut vorbereitet? Ich kann es noch immer nicht so recht fassen: als ich um 8 Uhr ging, habe ich doch noch irgendwie gehofft, ein zweites Tschernobyl bliebe uns erspart. Ich lese jetzt erst Twitter, aber ich nehme an, jetzt gibt es die Sondersendungen, die heute am frühen Morgen fehlten. Jetzt wird auch überall erklärt, was eine Kernschmelze ist, nachdem man eine ganze Weile mit dem Begriff herumjonggliert hat.

13:25 Uhr: Wie grotesk: Deutsche Sender berichten von der Bundesliga, die ganz normal heute stattfindet. Begreifen sie denn alle nicht? Am 11. September wurde jede Veranstaltung abgesagt. Und jetzt? Was ist mit diesen abgestumpften Menschen los?

13:30 Uhr: 4 Arbeiter wurden verletzt, sagt das japanische Fernsehen, dessen englischer Livestream schwer zu verstehen ist. Es klingt so klein, dieses Unglück. 4 Arbeiter nur. Wieviele Menschen sind es, die evakuiert wurden und werden?

13:35 Uhr: Ein Twitterer schreibt: „Ein Gefühl, dass ich als Anti-Atom-Aktivist niemals spüren wollte: „Recht behalten.““. Ja, so fühle ich mich auch, manchmal. Dann, wenn ich nicht gerade versuche, mir vorzustellen, wie sich die Menschen in Japan fühlen, oder wenn ich nicht irgendwo tief in mir grenzenlos erleichtert bin, dass nicht ich es bin, der evakuiert wird. Ich habe das Buch „Die Wolke“ gelesen, das in der Gegend spielt, in der ich lebe, naja, nicht ganz, aber immerhin. Es hat mich so geschockt, weil es so plastisch beschrieb, was für eine Panik herrschen würde, wie alle Strukturen, Familien, Nachbarschaften auseinanderbrechen, und wie nichts dagegen zu machen ist. Insofern spüre ich die Erleichterung, und gleichzeitig schäme ich mich dafür vor den Menschen, die all das jetzt sehr wohl erleben müssen. Wir sitzen im sicheren Deutschland und haben recht behalten. Wie grauenhaft!

13:37 Uhr: Die Grünen-Politikerin Steffi Lemke schreibt: „Meine Gedanken, Wünsche und mein Hoffen sind heute in Japan, für mich ist das nicht der Tag der Konsequenzen .“ Das ist wohltuend von politischer Seite.

13:40 Uhr: Doch keine Kernschmelze? Das sagt die japanische Regierung. Das kann sie doch nicht ernst meinen, nachdem es Bilder der Explosionen gibt. Abwiegeln ist doch gar nicht mehr möglich und nötig. Welches Gesicht will man denn dort wahren?

13:45 Uhr: Menschenkette in Stuttgart gegen AKW-Laufzeitverlängerung. Keiner hätte sich dafür interessiert, wenn in Japan nichts passiert wäre. Wieviele Leute sind da jetzt wohl?

13:50 Uhr: Ich lese den Rest der Twitternachrichten nicht. Besserwisser treiben sich auf dem Netzwerk herum. Zeit zum Innehalten, nicht zum Rechthaben und Austeilen. Wieviele Menschen werden jetzt wohl ihrem Schicksal überlassen und sich in ihren Häusern verbarrikadieren und vielleicht dem Rat des Korrespondenten der Washington Post folgen, sich mit nassen Tüchern zu schützen. Nein, ich will keine Besserwisser hören. Vielleicht sollte ich doch frühstücken, um in Ruhe meinen Kopf zu sortieren?

14:05 Uhr: Noch ein Tweet: „Weit weg ist ganz nah,auch wenn das manche Planetenbewohner wohl nicht wirklich verstehen. Oder die haben einen Ersatzplaneten.“ Irgendwie muss man sich Luft machen. Ich zum Beispiel übe Abstinenz, ich schaue jetzt kein Fernsehen, ich lese nur ausgewählte Berichte, ich gehe gleich frühstücken.

14:15 Uhr: „Geht es in Japan jetzt auch um einen Bahnhof?“ fragt ein Twitterer. Das muss man auf die Reaktion im Netz beziehen, dann hat es Aussagekraft. Welche Reaktionen die Katastrophe im Land hat, wage ich noch nicht abzuschätzen. Vermutlich kaum. Es ist doch weit weg.

14:15 Uhr: Jetzt streiten sie sich, ob es wirklich eine Kernschmelze gegeben hat. Tagesschau sagt weiter ja, andere sagen nein. Volker Beck von den Grünen berichtet, dass 60.000 Menschen bei Anti-AKW-Demo in Stuttgart sind.

16:10 Uhr: Ich habe mit meiner liebsten spät gefrühstückt. Es sollte Entspannung sein, aber teilweise war es persönlich angespannt. Lese gerade, dass in Fukushima ein Nachbeben stattgefunden hat, und dass in einer Hafenstadt bis zu 10.000 Menschen vermisst werden. Auch habe ich gehört, dass die japanischen Medien viel über ihre Wirtschaft berichten. Heute ist ein Tag, da dürfte man das Wort Wirtschaft gar nicht in den Mund nehmen!

16:15 Uhr: Auch die Tagesschau geht wieder von der Kernschmelze ab und bezeichnet Nachrichtenlage als widersprüchlich. In mir fahren die Gedanken genau so karussell, wie sie durch die Nachrichtenkanäle gefüttert werden. Gleich werde ich mich mal still hinsetzen und denken. Manchmal sind zu viele Medien und Quellen, wenn die Richtigen fehlen, ein Greuel. Man weiß eigentlich weniger als mit wenigen, aber dafür zuverlässigen Quellen. Andererseits braucht es diese Informationssucher, damit die offiziellen Stellen sich überhaupt genötigt sehen, etwas preiszugeben. Die internationale Atomenergiebehörde ersucht die japanische Regierung dringend um Infos.

16:23 Uhr: Jetzt heißt es wieder, die Kernschmelze sei offiziell bestätigt. Und das ZDF sagt, wohl zu recht, man könne der japanischen Regierung nicht mehr glauben. Ein Twitterer schreibt: „Wer sagt, wir in deutschland sollten das Leid der Japaner nicht innenpolitisch instrumentalisieren, tut genau dies.“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Irgendwie fühle ich mich leer bei den ganzen Flash-News, Breaking-News, Eil-Meldungen usw.

16:40 Uhr: Endlich mal einen guten zusammenfassenden Bericht über den Verlauf der Kernschmelze vom Deutschlandfunk gehört. Auch diese Kernschmelze kann ohne Strahlungsaustritt erfolgen. Allerdings ist das Gebäude schon beschädigt, wenn der Kern jetzt schmilzt, kommt auf jeden Fall Radioaktivität frei.

16:50 Uhr: Die humanistische Union in Marburg hat eine Pressemitteilung herausgegeben, wie nicht anders zu erwarten war. Stoppt die Atomkraft. Mit viel Sachverstand formuliert, aber schnell geschrieben. Hören wird es außer mir ohnehin keiner. In diesem Medienchaos gehen Bürgerrechte und Bürgerinitiativen unter.

17:00 Uhr: Das Denken wird von den Medien und ihren Widersprüchen bestimmt. Ich sehne mich nach Klarheit. Erst wenn ich Klarheit habe, kann ich neben Mitleid und Trauer etwas fühlen. Und Mitleid und Trauer auch erst so richtig dann, denn bis dahin jage ich ja noch der Klarheit nach. Der Schock über Tschernobyl saß tief, weil ich erst bei meiner Rückkehr von einer Klassenfahrt 2 Tage nach dem Unglück wirklich erfuhr, was geschehen war, auf einmal und mit aller gebotenen Klarheit, derer es bedurfte. Und die Wolke trieb auf uns zu, auch wenn Innenminister Zimmermann immer wieder betonte, sie werde die Grenze nicht überfliegen. Aber heute? Es ging immer um Japan, bis eine Nachrichtenagentur meldete, die Welt stehe am Rand einer atomaren Katastrophe. Erst da fühlte ich, was ich vorher nur intellektuell begriffen hatte: Es geht uns alle an. Warum schwört man in Japan eigentlich so auf die Atomkraft? Eine unbeantwortete Frage. Millionen Japaner sind jetzt ohne Strom, 10.000 Menschen werden allein im Norden vermisst, das Ausmaß der Katastrophe wird noch nicht erfasst, und die Regierung trägt nicht zur Aufklärung bei. Es wird wohl noch Tage dauern, bis man trotz der vielen Bilder genug weiß, um sich zu gruseln. Ach: Wäre es doch einfach nur ein Erdbeben und ein Tsunami: Es wäre ein trauriges und schockierendes Naturereignis ohne Politik. Man könnte Trauern und Spenden, und alles wäre getan, so weit es die meisten Menschen betrifft. All das wird hoffentlich kommen, die Opfer der Naturkatastrophe haben es verdient. Aber die schreckliche Atomkatastrophe überschattet international alles, was mit dem Beben zu tun hat. Leider wird auch kommen, dass man bald nur noch von Wirtschaft redet, von dem Abschwung, den das Beben gebracht hat, gerade in Deutschland, und vom notwendigen Sozialabbau. Politiker lassen diese Chance nie aus, und Wirtschaftsführer auch nicht.

17:25 Uhr: Und worüber sprechen die deutschen Radioprogramme? Fussball! Ich kann es nicht glauben, mich macht das zornig. Die NOS meldet, die Explosion in der Nähe des Reaktors habe nicht zur Kernschmelze geführt, die Radioaktivität sinke, man habe noch mal Glück gehabt, die Meerwasserkühlung funktioniere. Für mich ist alles Schwebe. Wir sitzen beide hier und lauschen dem Radio und lesen das Internet. Ab und an sprechen wir ein paar Worte, aber nicht wie am 11. September. Es ist nicht so drückend und schwer wie damals. Warum nur nicht? Damals starben 3000 Menschen, diesmal könnten es 10.000 sein. Damals wurden zwei Gebäude zerstört, heute droht eine Katastrophe, die ganz Japan betrifft. Nun: Damals war Krieg die unmittelbare Folge. Heute gibt es keinen Terrorismusverdacht. Ist es wirklich so einfach? Ist die Natur so viel ungefährlicher als der Mensch?

18:45 Uhr: Nach einer erneuten Pause sitze ich wieder am Rechner. Ein guter Artikel der Süddeutschen Zeitung erläutert die unterschiedlichen Reaktoren und ihre Funktionsweise für Laien verständlich. Diese Siedewasserreaktoren, wie der in Fukushima, sind so oder so gefährlicher als die sogenannten Druckwasserreaktoren. Die sind aber komplizierter zu bauen und teurer. Fukushima ist 40 Jahre alt, den sollte man wirklich langsam abgeschaltet haben. Wer kann ein solches Risiko schon bei Planung und Bau auf sich nehmen und ruhig dabei schlafen? Gibt es überhaupt Atomkraftwerksmanager, die in der Nähe ihrer Kraftwerke wohnen?

18:55 Uhr: „In Japan begann mit Hiroshima das nukleare Zeitalter. Wäre es nicht schön, wenn es mit Fukushima endet?“ fragt ein Twitterer. Hilflose Gesten, hilflose Worte. Es ist genug für jetzt. Ich beende diesen Teil meines Gedankenprotokolls und veröffentliche es.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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