Mein Fluch, mein Segen – Über den Umgang mit der Informationsflut

Ich habe gestern eine gute Freundin besucht und 4 Gläser eines leicht alkoholischen Getränks zu mir genommen. Was hat das in diesem Blog zu suchen, mögen Sie fragen? Nun: Wir sprachen über unseren Umgang mit Informationen, über ihre Glaubwürdigkeit, über Desillusionierung und über den Segen des Internets. Und das hat viel mit diesem Blog zu tun, oder?

Morgen ist der 15. Januar. Der Tag, den die Occupy-Bewegung in aller Welt zu einem Protesttag ausgerufen hat. Wie viele werden wohl in Deutschland kommen? Ich nicht, ich habe keine Assistenz, die ich nötig hätte, außerdem muss ich zwei Sendungen betreuen. Viele andere Menschen werden es schon deshalb nicht zu den Protesten schaffen, weil sie kaum etwas mitbekommen haben davon. Die großen Medien nämlich schweigen dazu, die Okkupanten sind aus dem öffentlichen Fokus weitgehend, wenn auch noch nicht vollständig verschwunden…

RatingAgenturen nehmen Einfluss auf die Wahlen in Frankreich, indem sie das Land herabstufen. Ihr Handeln wird damit offensichtlich, sie beeinflussen die Wähler zugunsten einer Aktionärsfreundlichen Politik. Solche Beispiele kann man überall finden, man kann sich darüber aufregen, aber kann man etwas ändern? Wohl kaum…

Ohnmacht gegenüber bestehenden Verhältnissen, wenn man sie denn endlich im Ansatz begriffen hat, und Hoffnungslosigkeit und daraus resultierende Gleichgültigkeit gegenüber möglichen neuen Bewegungen mit neuen Lösungsansätzen, das ist der Cocktail, aus dem die Apathie der meisten Menschen unserer Zeit zusammengesetzt ist. Und natürlich die informationelle Reizüberflutung, die überall kritisiert wird, die man aber ohne drastische Maßnahmen nur selbst eindämmen kann, durch einen knallharten Filter, der zur Scheuklappe wird, wenn man nicht aufpasst. Katastrophenmeldungen, vor allem über die Finanz-, Wirtschafts- und Eurokrise flimmern im Minutentakt über die Bildschirme, bevölkern hordenweise die Titelblätter unserer Zeitungen und werden tausend mal als Kurznachrichten retweetet oder als Statusmeldung gepostet. Dass gleichzeitig die Unternehmen Milliardengewinne einfahren, dass die Auftragsbücher voll sind, geht fast unter oder wird als ein Wunder verkauft. Überall auf der Welt gibt es Krieg und Terror, Hass, Gewalt und Tod. Alles bekannte Tatsachen, die ich hier auch schon so oft herunterbete, dass sie selbst den geneigten Leserinnen und Lesern zum Halse heraushängen werden. All diese sogenannten Informationen prasseln auf uns ein, lähmen uns, und lassen uns mit dem Gefühl tiefen Unverständnisses zurück, obwohl wir gleichzeitig glauben, nicht ohne sie leben zu können…

Zurück zu mir und meiner Freundin: Wir haben das hohe Lied des Internets und der Informationsgesellschaft gesungen. In unserer Jugend gab es nur die Stern-Zeit-Blindenzeitschrift als einzige Informationsquelle aktueller und politischer Art, und natürlich das Radio. Aktuelle Bücher wurden wenn überhaupt nur mit großer Verspätung in Punktschrift gedruckt, und für wirklich politisch und sozial interessierte Jugendliche blinde Menschen gab es nicht viele Auswege. Und jetzt? Wir können uns Dinge erfüllen, die wir uns früher nicht einmal zu wünschen trauten: Tageszeitungen lesen und abonieren, vertiefende Informationen und Analysen verfolgen, selbst aktiv werden, Barrieren und Mauern einreißen und die Informationskluft überwinden. Alles und noch mehr wollte ich im Internet lesen, als es einmal da war, ich habe die von mir vorher so schmerzlich vermissten Informationen aufgesogen wie ein Schwamm. Wenn ich heute höre, dass die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland teile ihrer Informationen depublizieren müssen, um geldgierigen Privatkonzernen sogenannte Chancengleichheit auf dem Informationssektor zu verschaffen, die ja doch nur an ihren menschenverachtenden Kuppel- und Castingshows interessiert sind, dann tut mir das perrsönlich weh. Wieder wird mir ein Teil der für mich so wichtigen Informationen weg genommen, ein Teil meiner Freiheit wird beschnitten.

Der Filter kommt mit der Zeit. Man muss lernen, jeder auf seine Weise, mit der informationellen Reizüberflutung umzugehen. Viele der Themen, für die ich mich interessiere, wie der Zustand der Demokratie, soziale und politische Bewegungen, hat meine Freundin als aufstrebende Unternehmerin komplett ausgeblendet. Mir hingegen fällt das Ausblenden noch schwer: Da lese ich einen Beitrag über einen Scientology-Aussteiger, schon bin ich wieder in dem Thema drin, das ich vor 13 Jahren nahezu vollständig verlassen habe, mit dem ich mich damals anderthalb Jahre intensiv beschäftigte. Da läuft mir der Begriff „SOPA“ über den Weg, und während meine Freundin sicher keine Lust hätte, sich mit US-Gesetzesvorhaben zu befassen, lese und lese ich über diesen „Stop Online Piracy Act„, der das Internet auf einfache Weise zensieren soll, um Urheberrechtsinteressen weltweit durchzusetzen, offiziell zumindest, aber auch um herrschaftskonforme Medien zu schaffen, kritische Stimmen in ihre Schranken zu weisen und die Organisation der Unzufriedenen wirksam zu verhindern.

Es gibt Menschen, die können daran vorbei gehen, und es gibt Menschen, die können nicht daran vorbei gehen, doch sie können nichts tun gegen das, was sie lesen. Sie können leise und lächelnd geduldet dagegen anschreiben, sonst aber auch nichts. Und die Menschen, die mehr tun als das, die sich nicht lähmen lassen, sind die nicht auch fanatisch? Brauchen die nicht ihre extrem linke, ebenfalls politisch diktatorische Ideologie, um nicht an der Realität zu verzweifeln?

Ein Problem ist, dass man für Aufbereitung und Bewertung der Informationen, die man bekommt, heute mehr als je zuvor selbst verantwortlich ist. Früher sah sich der sogenannte Qualitätsjournalismus bildender Prägung in der Rolle des Aufbereiters und teilweise auch des Welterklärers. Kaum musste er in Hörfunk und Fernsehen die private Konkurrenz fürchten, und die privatrechtlich organisierten Zeitungen versuchten noch, sich durch tiefgehende Berichterstattung wohltuend vom Fernsehen mit dem Hauptmedium Bild abzusetzen. Heute ist der Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen nahezu abgeschafft, und jeder kann Informationen verbreiten. Welch eine Vielfalt, welch ein Segen. Doch der mündige Bürger, von dem so oft die Rede ist, muss erst lernen, die Interessen der verschiedenen Informationsvermittler zu durchschauen. Es dauert lange bis er begreift: die meisten wollen einfach nur verdienen. Sie vertreten die Interessen großer Konzerne und der mit ihr verbandelten Politik. Wer sagt was warum? Das ist eine Frage, die sich heute jeder selbst stellen muss, bei jeder Nachricht, die man erhält. Das kostet kraft, ermüdet. Es ist der Preis der informationellen Selbstbestimmung, der freien Zugänglichkeit von Informationen am Meinungsmarkt. Es ist etwas, was wir schnell lernen sollten, denn dann kann die Informationsvielfalt wieder ein Segen sein. Wir müssen sie beherrschen, und das ist ein kulturgeschichtlicher Prozess, der zwar längst begonnen hat, aber bestimmt noch einige Jahre oder Jahrzehnte andauern wird.

Ein Mitglied der Piratenfraktion im berliner Abgeordnetenhaus, Christopher Lauer, hat dem Parlament in einer unerhört prägnanten und kurzen Rede ins Stammbuch geschrieben, was es ist: Eine Abnickmaschine für die von Senat und Lobbyisten verfassten Gesetze. Natürlich hat er das ausführlicher und eloquenter formuliert. Es ist für mich ein erster Schritt. Die Internetgeneration teilt den herrschenden mit, dass sie die Arbeitsweise ihrer Herrschaft durchschaut hat. Ein für sich genommen kleines Ereignis, aber es beweist mir, dass es sich immer lohnt, Hoffnung zu haben. Fluch oder Segen? Auch bei der Informationsflut kommt es vor allem darauf an, was wir daraus machen.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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