Freiheit in Verantwortung

„Freiheit in Verantwortung“ ist vermutlich das Motto unseres neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck. In den Wochen um seine Wahl hat er sich im Internet, aber auch in einigen Printmedien einige Häme gefallen lassen müssen, und es gab unzählige Interpretationen darüber, wer nach Gaucks Meinung frei sein, und wer die Verantwortung tragen solle. Dabei, finde ich, ist das Motto eigentlich richtig gut.

Obwohl viele Menschen das Lebensmotto Gaucks, „Freiheit“, nicht mehr hören mögen, möchte doch jeder von uns die Freiheit genießen. Wir wollen frei sein, unser Privatleben auszugestalten, wir wollen frei sein, unseren Beruf, unseren Partner und unseren ständigen Wohnsitz zu wählen, wir wollen frei sein von staatlicher Kontrolle und Überprüfung. Den Staat, so finden wir, geht es nichts an, mit wem wir telefonieren, wohin wir fahren, woher wir unser Geld haben und was wir damit anstellen. Religion ist Privatsache, Sexualität ebenso, und Schwarzarbeit ganz besonders. Freiheit fordern wir von staatlicher Einmischung. Gleichzeitig aber wollen wir Gerechtigkeit. Das, was uns zusteht, soll uns der Staat geben, ohne uns genau auf die Finger zu sehen. Das gilt für Sozialleistungen und Steuerfreibeträge, aber auch für bessere Renten, höhere Sparzinsen und den selbstverständlich zu gewährenden Kindergartenplatz. Und drittens soll uns der Staat ansonsten in Ruhe lassen. Sollen „die da oben“ doch über Europa mauscheln, sollen sich die Parteien doch über jeden Kinkerlitz streiten, uns geht das nichts an, wir verabschieden uns von Politik und Bürgergesellschaft. Schon das Wort ist uncool. Gebt uns Freiheit, Gerechtigkeit und unsere Ruhe, dann kommen wir prima miteinander aus, sagen die Bürger, denen Gauck mit seinem Freiheit und Verantwortung auf die Nerven geht, oder die noch nicht einmal mitbekommen haben, dass wir einen neuen Bundespräsidenten haben, weil es ihnen ohnehin scheißegal ist.

Ich will hier nicht die Schuldfrage aufwerfen, dazu habe ich mich oft und klar geäußert. Schuldzuweisungen und Analyse eines Ist-Zustandes sind nur die ersten Schritte. Mir geht es um den weiterführenden Gedanken, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung einander bedingen. Natürlich ist es falsch, wenn die Freiheit des Geld-Machens und Geld-Zerstörens bei den spekulierenden Großbanken liegt, während die Arbeitnehmer durch Lohnverzicht die Verantwortung für das Wohl und die Gesundung der Wirtschaft übernehmen sollen. Aber wahr ist auch: Politiker und Wirtschaftsführer können nur so ungestört Schalten und Walten, weil sich die Zivilgesellschaft bereits ins Boxhorn hat jagen lassen, weil sie ihre Verantwortung für das Gemeinwohl in vielen Fällen bereits abgestreift hat, von kleinen rühmlichen Ausnahmen abgesehen. Aber ein gesamtgesellschaftliches Gefühl für unseren Teil der Verantwortung kann ich in den letzten Jahren kaum noch ausmachen. Denn so uncool es auch sein mag, sich für Politik und Wirtschaft zu interessieren, oder sich gesellschaftlich zu engagieren, in Vereinen, Verbänden, Bürgerinitiativen und ad-hoc-Bewegungen, so notwendig ist es, um erkannte oder gefühlte Missstände nicht nur anzuprangern, sondern auch langfristig zu lindern und schließlich wenn möglich zu beseitigen. Zur Veränderung bedarf es des Engagements, und Engagement gründet sich auf verantwortungsvolles Handeln.

Die Freiheit ist ein kostbares Gut, aber wir alle, die wir Träger dieser Freiheit sind, müssen die Verantwortung für ihren Erhalt übernehmen. Es genügt einfach nicht, Freiheitskonsument zu sein, da hat Joachim Gauck recht. Nur mit Verantwortung und Engagement kann man der Ungerechtigkeit und der Unfreiheit begegnen. Natürlich soll Verantwortung nicht missverstanden werden als Pflicht zur Zurückhaltung bei der Durchsetzung seiner Freiheiten. Nur in wenigen Fällen gemahnt einen die Verantwortung, zu schweigen, niemals zwingt sie zur Erduldung von Unrecht und Ungerechtigkeit. Aber nur, wer Verantwortung übernimmt, sich engagiert, selbst auch an das Gemeinwohl denkt, das er oft im Munde führt, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, kann mit einigem Recht hoffen, die kostbare Freiheit auch morgen noch in seinem Lande vorzufinden.

Ich glaube, dass Verantwortung sich nicht im Protest allein erschöpft. Er ist eine notwendige und wichtige Form bürgerlichen Engagements. Doch dabei darf man nicht stehen bleiben. Protest ohne Alternativen, ohne Substanz, ist wie ein Rahmen ohne Bild, eine leere Hülle. Unser Engagement kann sich nicht allein dadurch ausdrücken, vom Staat gleichzeitig Gewährleistung, Nichteinmischung und Waffenlosigkeit bei der Erfüllung seiner Aufgaben zu verlangen. Wenn wir Ungerechtigkeit und falsche Politik anprangern, dann sind wir auch gehalten, unsere Fantasie, unsere Kreativität und unsere Ideen in den Dienst einer Verbesserung der ungeliebten Situation zu stellen, so weit wir das vermögen.

Zum Beispiel die Kapitalismuskritik: Ich bin dafür, den Kapitalismus, wie er jetzt herrscht, zu kritisieren, ich bin dafür, gegen seine Auswüchse auf die Straßen zu gehen. Aber in der Verantwortung derer, die dort hingehen, und in der Verantwortung der Polizei liegt ein friedlicher Verlauf der Veranstaltung. Pöbelnde Wutbürger helfen uns nur sehr begrenzt weiter. Ähnliches gilt für Protest unterschiedlicher Formen im Internet. Es ist wichtig und richtig, sich gegen die Datensammelwut des Staates im Netz zu stellen. Doch ich finde, es hat mehr Gewicht, wenn man es mit eigenem Namen und mit Verantwortung als Bürger tut, statt als Avatar. Man steht zu seiner Meinung, notfalls auch zu seinen Beleidigungen und Pöbeleien, man übernimmt Verantwortung. Und wenn man selbst keine Gesetze verletzt, bietet man auch keinen Vorwand für die Einschränkung der Freiheit, die vom Staat so gern betrieben wird. Und auch hier hilft Engagement weiter, denn der Staat, das sind doch letztlich wir selbst.

„Freiheit in Verantwortung“ brauchen wir alle. Freiheit muss mit Verantwortung gestaltet werden, man muss mit Verantwortung darauf achten, die Freiheitsrechte Anderer nicht einzuschränken. Verantwortung bedeutet immer auch die Überprüfung, ob ein Handeln nicht nur erlaubt, sondern auch gerechtfertigt und vertretbar ist, zumindest dann, wenn dieses Handeln Konsequenzen für andere Menschen hat. Wenn Joachim Gauck dieses Motto so gemeint hat, dass es alle betrifft, und dass die, die die Freiheit zum Handeln haben, auch Verantwortungsvoll mit ihr umgehen sollen, kann ich gut damit leben.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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