Und in seiner Stinkwut schickt der Herr die Sintflut

Am 21. Dezember soll die Welt untergehen, sagen einige Leute voraus. Dass das blanker Unsinn ist, wissen wir alle, und doch werden einige diesen 21. Dezember 2012 ganz bewusst und aufmerksam erleben und verfolgen. Mir flatterte gestern die Sintflut ins Haus. Bildlich gesprochen natürlich, und wo wir schon mal bei Endzeitmythen sind, warum nicht die Sintflut?

Ein bekannter auf Twitter, ein Wissenschaftsjournalist, schrieb kürzlich sinngemäß: „Die Theorie, dass die Sintflut durch einen Asteroideneinschlag verursacht wurde, war schon fischig, als ich 10 war.“ Meine Antwort: „Ich dachte, die wäre neuester Stand der Wissenschaft?? Darauf er: „Bei Erich von Däniken vielleicht.“ Das verwunderte mich. Bislang war ich davon ausgegangen, dass man es als erwiesen ansah, dass die Dinosaurier durch die Klimaveränderung nach einem Asteroideneinschlag ausgestorben seien, und dass dieser Einschlag die Grundlage für all die Sintflutmythen bildet, die man überall auf der Welt findet. Nicht nur in der Bibel kommen sie vor, sondern auch im Gilgamesch-Epos und anderen bekannten religiösen Texten. Ich habe gelernt, dass immer ein Körnchen Wahrheit in solchen Texten steckt, und sei es nur eine Metapher. Mein Bekannter erklärte mit unausgesprochenem Hinweis auf das Alter der Texte und den damals praktisch nicht vorhandenen wissenschaftlichen Forschungsstand: „Die Dinosaurier sind vor 65 Millionen Jahren ausgestorben. Damals gab’s noch nicht mal Primaten.“ Wer hätte also den Vorgang beobachten und daraus einen Mythos machen sollen? Recht hat er.

Zu meiner Grund- und Hauptschulzeit genoss ich evangelischen Religionsunterricht. Unser Religionslehrer las zwar auch biblische Texte mit uns, aber viel häufiger sprachen wir über aktuelle Probleme und ethische Lösungen. Es gab Stunden, in denen das Wort „Gott“ nicht ein einziges Mal erwähnt wurde. Die Bibel, so erklärte er seiner staunenden Klasse, ist ein durchaus lesenswertes, abenteuerliches Geschichtsbuch mit ethischem Tiefgang. Und das mit dem Geschichtsbuch dürfe man auch nicht wörtlich nehmen, aber viele geschilderte Ereignisse hätten einen realen geschichtlichen Hintergrund. Z. B., so erklärte er eines Tages, die Geschichte der Arche Noah. Wir rissen Mund und Nase auf. Unser Lehrer behauptete, die Sintflut sei durch einen Asteroiden verursacht worden, der dort eingeschlagen sei, wo sich heute die Hudson Bay befinde. Ob es den sagenhaften Kontinent Atlantis wirklich gegeben habe, wisse er nicht, aber wenn, dann sei es wahrscheinlich, dass er durch diese Katastrophe untergegangen sei. Viele alte Texte berichteten über Atlantis, man habe aber bislang keinen stichhaltigen Beweis gefunden. Gefunden habe man allerdings die Arche Noah, und zwar ungefähr dort, wo die Bibel es verhieß: Beim Berg Ararat in der heutigen Türkei. 1959 habe ein französischer Pilot die Überreste der Arche gefunden, die tatsächlich den in der Bibel genannten Ausmaßen entsprochen habe. Für die allerdings sehr geringe Bevölkerung der Umgebung habe die Arche lange Zeit als Brennholz gedient. Der Pilot, überrascht von seiner Entdeckung, habe ein paar Holzplanken an verschiedene Universitäten geschickt und das Alter bestimmen lassen. Ich weiß nicht mehr, welches Alter unser Lehrer für die Holzstücke angab. Jedenfalls hat uns die Geschichte fasziniert. Und wenn sie auch nicht dafür sorgte, dass wir mehr an Gott glaubten, wir glaubten doch an eine globale Katastrophe und an den Überlebenswillen der Menschen. Wieso hatte da jemand eine Arche gebaut? Unser Lehrer wusste auch darauf eine Antwort: Der Asteroid war schon viele Jahre als Leuchterscheinung am Himmel zu sehen, und Menschen hatten daraufhin eine schwimmende Zuflucht gebaut.

Aus heutiger Sicht mag das zwar spannend sein, hält aber wissenschaftlichen Überprüfungen nicht mehr stand. Der angebliche französische Pilot, der 1959 die Arche auf dem Berg Ararat gefunden haben soll, war in Wahrheit ein türkischer Pilot, und es handelte sich auch nur um eine Gesteinsformation. In seinem Buch „Erinnerungen an die Zukunft“ hat Erich von Däniken zwar den Fund der Arche behauptet, er ist aber absolut jeden Beweis schuldig geblieben.

Ich persönlich hänge ja einer ganz anderen Theorie an. Vor 10.000 Jahren waren bereits Außerirdische auf der Erde, die sich Atlantis als Heimstadt erkoren hatten. Allerdings befanden sie sich in einem schrecklichen Krieg, und ihr Stützpunkt wurde angegriffen und vernichtet. Nur wenige Menschen und höchstens ein Außerirdischer konnten sich in Überlebenskuppeln unter Wasser in Sicherheit bringen… – Nun ja, auch diese Geschichte stammt nicht von mir, sondern von der Perry-Rhodan-Autorenschaft. Das Thema eignet sich immer noch gut für Spekulationen und wilde Fantasien.

Vermutlich muss man die biblischen Texte noch viel metaphorischer Sehen als wir es heute tun. Ich glaube zwar nicht, dass mein bekannter Recht hat. Er schrieb mir auf Twitter: „Die m.E. plausibelste Theorie ist, dass die Flutmythen nichts miteinander zu tun haben. … Der gemeinsame Hintergrund ist m.E., dass Menschen seit Jahrzehntausenden immer mal wieder von Fluten weggeschwemmt werden.“ Nicht in allen Gegenden, in denen es solch einen Mythos gibt, ist eine schreckliche Flut gleich wahrscheinlich. Die Theorie der vielen lokalen, zufällig als ein Ereignis bezeichneten Katastrophen wird heute als überholt betrachtet, habe ich gelesen. Vermutlich gibt es ein im Mittelmeerraum angesiedeltes Ereignis, welches auf alle dort beheimateten Völker einen großen Eindruck gemacht hat. Trotzdem bin ich heute weit davon entfernt, zu glauben, dass man noch irgendwo eine Arche Noah finden könnte, oder dass es die Sintflut mit ihrem fast völligen Auslöschen der menschlichen Zivilisation so wirklich gegeben hat.

Trotzdem: Das vorgebliche Ereignis eignet sich für Geschichten und auch kabarettistische oder komödiantische Aufarbeitungen. Zynisch sprach der Sänger Ludwig Hirsch auf seiner LP „Zum Himmel hoch“ z. B.: „Und in seiner Stinkwut schickt der Herr die Sintflut. – Nur einer fand Gnade vor den Augen des Herrn, es ist der brave Noah, der gerade an seiner Arche hobelt.“

Ich wünsche einen schönen Weltuntergang!

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

3 Kommentare zu Und in seiner Stinkwut schickt der Herr die Sintflut

  1. Dazu verweise ich auf einen Artikel in der Online-Zeitung marburgnews vom 28. September 2006 zu geoarchäologischen Forschungen der Philipps-Universität Marburg. Zu finden ist er unter http://www.marburgnews.de/2006/mn-wis09.php?tag=28. Am Schwarzen Meer hat demnach um das Jahr 1000 vor Christus ein verheerender Tsunami stattgefunden, dem anscheinend schon mehrere ähnliche Ereignisse vorausgegangen waren. Die Forscher konnten das anhand von Funden von Gesteinsformationen und Keramik belegen.
    Vielleicht folgt ja am 21. Dezember der nächste Tsunami irgendwo in Lateinamerika?
    fjh

  2. nossy sagt:

    Was auch immer passiert – und sei es nichts – die Welt dreht sich weiter, mit uns oder ohne uns. Die Zeit bleibt nicht stehen.

    nossy

  3. Alex Illi sagt:

    Arche Noah – schaun Se doch mal hier rein:
    http://www.viewzone.com/noahx.html
    Kommen Sie, schauen Sie, staunen Sie 🙂

    Sintfluten gab’s viele, die größten waren jedoch vor ca. 8000 Jahren der Einbruch des Mittelmeers ins heutige Schwarze Meer und etwa zeitgleich der allmählichere, stufenweise Einbruch der Nordsee/Atlantik in die „Ostsee“, die während der Eiszeit ein recht paradiesischer Binnensee und meist eisfrei mit schönem Grasumland inmitten einer Eiswüste war, ideal für eiszeitliche Jäger. Diese Sintfluten waren späte Folge der Nach-Eiszeit-Schmelze.

    Auch nachbiblisch und historisch verzeichnet gab’s noch sintflutige Katastrophen: die beiden „Manntränken“ der Nordsee (damals weithin tatsächlich auch „Mare mortuum“ und „Mordsee“ genannt), wonach große Areale Norddeutschlands permanent Land-Unter blieben.

    Atlantis war da auch nicht weit weg vom „Ost-Binnen-See“, über die Eider, gleich beim damals viel größeren Helgoland, das noch echt ein ‚Land‘ mit Festlandanbindung war und den Menschen sehr heilig – „Doggerland“ ist dabei auch interessant…

    Viel weiter weg gab’s zu Eiszeiten Sundaland, das heutige Sundaschelf, nach und nach untergegangen im ähnlichen nacheiszeitlichen Zeitrahmen in der Sundaflut.

    Auf die biblische Sintfluterzählung weiter einzugehen wäre hier schon sehr verführerisch, aber da es zum theologischen Verständnis der Bibel nicht unbedingt essentiell ist und wenn es nicht in aller Ausführlichkeit geschieht eher verwirrungsstiftend sein kann, belasse ich es mal bei den paar genannten prähistorischen Anektdoten.

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