Zum Tode Nelson Mandelas

Es ist unglaublich schwer, nicht in den Chor der Menschen einzustimmen, die Nelson Mandela nach seinem Tod am liebsten zu einem Heiligen machen würden. Überall werden die Wohltaten des Wohltäters besungen, besprochen und gefeiert. Und doch wird der Verzicht auf die Heiligsprechung aus drei Gründen wesentlich erleichtert, wenn man sie denn hören will: Erstens lehnte Mandela seine Verehrung ab, zweitens war er ein Mann mit seinen Schwächen und Ungerechtigkeiten, und drittens wird er jetzt vor allem von den Leuten in den Himmel gehoben, die ihn nicht verstanden haben und nicht verstehen wollen, und die ihn vor 25 Jahren noch einen Terroristen genannt hätten.

Der 10. Februar 1990 war ein grauer, regnerischer Samstag. Meine Freunde und ich saßen zusammen und hörten Musik, wie fast jeden Samstag in dieser Zeit. Dann wurde meine heutige Frau ans Telefon gerufen, und als sie zurückkehrte, teilte sie uns mit, dass Nelson Mandela, der berühmteste Gefangene der Welt, am nächsten Tag entlassen werden würde. Natürlich wussten wir alle, wer Nelson Mandela war, und wir klatschten und jubelten gemeinsam. Und so wie uns ging es vielen vielen Menschen überall auf dem Globus. Mit Nelson Mandela, dem unbeugsamen, gütigen Führer der schwarzen Mehrheit in Südafrika, dem Kämpfer für Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden in seinem Land verband sich für uns alle die Hoffnung, Südafrika könne die Rassentrennung überwinden und zu einem wahrhaft demokratischen Musterland werden, in dem die Vorurteile anderen Rassen und ethnischen Gruppen gegenüber keine Rolle mehr spielten. Und Nelson Mandela, der 27 Jahre im Gefängnis gepeinigt und gefoltert worden war, war für uns das Symbol dieser Hoffnung und der Mann, der diese bessere Zukunft gestalten konnte. Wir wussten damals nicht, dass wir den Worten einer gut lancierten Campagne des ANC erlagen, der beschlossen hatte, den Freiheitskampf der schwarzen Südafrikaner auf eine Person zu projizieren. Mandela wurde mit seiner Familie seit Jahren zur Vater- und Führerfigur aufgebaut. So hielt man die auseinanderdriftenden Strömungen der Bewegung zusammen und gab dem gerechten Kampf der unterdrückten Bevölkerungsmehrheit ein markantes Gesicht.

Erst wenn man begreift, wer Nelson Mandela wirklich war, kann man seine Leistung tatsächlich würdigen. Margaret Thatcher hatte ihn einen Terroristen genannt, bis vor wenigen Jahren stand er auf einer schwarzen Liste der USA, auch als er längst Präsident der Republik Südafrika war. Politiker in aller Welt betonten, dass Mandela auf Gewalt setze, die friedlichen Lösungen ablehne und daher auch nicht als demokratischer Verhandlungspartner tauge. Da ist etwas dran. Als junger Anwalt begann der spätere große Versöhner seinen Kampf gegen die Rassentrennung in seinem Land. Mitte der fünfziger Jahre war er ein zorniger, gebildeter junger Mann, der mit dem Gesetzbuch, mit hervorragender Rhetorik und mit zivilem Ungehorsam für seine Sache kämpfte. Als 1960 die größte Interessenorganisation der schwarzen Mehrheit, der African National Congress (ANC) von der Regierung verboten wurde, und als mehrere schriftliche Bitten um Verhandlungen schlichtweg nicht beantwortet wurden, während die Gewalt gegen die Schwarzen fortgesetzt wurde, beschloss der ANC, den Kampf aus dem Untergrund heraus und mit militärischen Mitteln fortzusetzen. Und Nelson Mandela baute diesen militärischen Flügel auf und führte in den folgenden zwei Jahren Sabotageakte gegen die Regierung durch. Zwar war es das Ziel, keine Menschen zu töten, doch es konnte nicht immer erreicht werden. Als Nelson Mandela verhaftet wurde, war er in den Augen des Gesetzes ein Saboteur, ein Krimineller und Terrorist.

Mandelas Ziel blieb immer gleich, er erläuterte es in seinem Prozess, nachdem er die Sabotageakte eingestand. Er habe gegen die Vorherrschaft der weißen gekämpft, aber auch gegen eine Vorherrschaft der Schwarzen. Sein Ziel sei ein demokratisches Südafrika, in dem jeder gleiche Chancen habe, sagte er sinngemäß zu seiner Verteidigung. 27 Jahre saß er dafür hinter Gittern, zunächst unter unmenschlichen Bedingungen auf der Gefängnisinsel Robben Island, dann später in komfortableren Strafanstalten, als die Regierrung seine Symbolrolle anerkannte und mit ihm zu verhandeln begann. Als er am 11. Februar 1990 das Gefängnis verließ, hatte er schon viele Ausflüge incognito in die Freiheit hinter sich, um sich wieder an das Leben draußen zu gewöhnen, und zuletzt hatte er in einem luxuriösen Haus innerhalb der Gefängnismauern gewohnt und gearbeitet. Gefoltert wurde Nelson Mandela übrigens nie, man schreibt es seiner natürlichen Autorität zu und seiner würdevollen, aber unbeugsamen Friedfertigkeit, die er im Gefängnis entwickelt hatte. Mit seinen Wärtern hatte er sich angefreundet, selbst mit Regierungsvertretern verband ihn am Schluss, noch bevor seine Freilassung bekannt wurde, ein fast freundschaftliches Vertrauen.

Bei Mandelas Freilassung endlich wurde die große Leistung dieses Mannes offensichtlich. 27 Jahre lang war er, anfangs ein zorniger Gefangener, von weißen Südafrikanern, die sich der schwarzen Rasse überlegen fühlten, eingesperrt und gedemütigt worden, doch jetzt verließ er das Gefängnis ohne Groll. Er nahm echte Anteilnahme auch am persönlichen Leben seiner Wärter und seiner Verhandlungspartner, er setzte sich für Versöhnung und Freundschaft ein und lebte sie vor, später lud er die Witwen ehemaliger weißer Apartheidsführer und schwarzer Widerstandskämpfer gemeinsam zu sich ein, stiftete Freundschaft und Verständnis. Und bei all dem hielt er unbeirrbar und ohne Nachgiebigkeit an seiner Maximalforderung fest: Demokratie in Südafrika, jeder Wähler eine Stimme, ohne Ansehen der Person, ohne die Zugehörigkeit zu einer Rasse oder ethnischen Gruppe zu beachten. Mit dieser unnachahmlichen Mischung aus Charme, Freundlichkeit, Vertrauen, Toleranz und Verständnis auf der einen, und einem festen Willen, unbeugsamer Klarheit und unbeirrbarer Autorität auf der anderen Seite setzte sich Mandela durch. Trotz seiner beeindruckenden Persönlichkeit wäre ihm das natürlich niemald ohne die Hilfe seiner Freunde und das Vertrauen seiner Verhandlungspartner gelungen, auch nicht ohne den unglaublichen Mut eines Präsidenten de Klerk, der mit einem einzigen Federstrich eine 300jährige Tradition der weißen Südafrikaner und ihr Selbstverständnis über den Haufen warf.

Nein: Nelson Mandela war kein Heiliger. Er war einer, der sich gewandelt hat, ohne sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Er war jemand, der zu sich stand, auch zu dem Mann, der Gewalt als legitimes politisches Mittel einsetzte, der aber bereit war, davon abzurücken. Er war ein jähzorniger, starrsinniger Mensch, der es seinem Umfeld nicht immer leicht machte, der sich aber auch entschuldigen konnte. Vor allem war er gradlinig und ehrlich. Das ist der Grund, warum ich die Lobreden auf Nelson Mandela nicht mehr hören kann. Die Leute, die ihn nun über den grünen Klee loben, könnten selbst weder so ehrlich, noch so integer und tolerant sein wie er.

Heute ist der Tag der Menschenrechte. Am 10. Dezember 1948 verabschiedete die UNO die allgemeine Menschenrechtserklärung. Grundlegendes Prinzip dieser Erklärung ist die Gleichheit aller Menschen, ungeachtet ihrer Heimat und Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion und ihrer Rasse. Genau das war es, was Nelson Mandela für sein Land erreichen wollte, ob als Saboteur oder als Präsident, ob als Widerstandskämpfer oder als Versöhner, ob als geachtete Vaterfigur oder als Strafgefangener. Daran hielt er immer unbeirrbar fest.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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