Ein Einwurf zu Sotschi

Ein Kolumnist und Journalist hat vor kurzem sinngemäß gesagt, dass man sich auf die olympischen Winterspiele in Sotschi freuen dürfe, dass man aber nicht vergessen solle, in welcher Atmosphäre sie stattfänden, und dass man seinen kritischen Blick nicht verlieren solle. Aber reicht das aus?

Im alten Griechenland war alles der Überlieferung zufolge extrem einfach: Wochenlang ruhte jede Feindschaft, wenn sich die Jugend der hellenischen Welt in Olympia alle vier Jahre zum sportlichen Wettkampf traf. In dieser zeit überwog die Gemeinsamkeit, es herrschte absolute Friedenspflicht. Heute ist das anders. Zum einen sind die olympischen Spiele zu einer Prestigeveranstaltung für das ausrichtende Land geworden, zum Anderen trifft sich hier schon lange nicht mehr die Jugend der Welt zum Fairen Wettkampf, sondern eine gedopte und gepuschte sportliche Elite zum kommerziellen Zirkus und zu politischer Propaganda. Trotz der Repressallien, denen sich Regimegegner in Russland ständig ausgesetzt sehen, trotz der Homo- und damit menschenrechtsfeindlichen Politik im Putin-Staat, finden diese Spiele statt, in einem Badeort am schwarzen Meer übrigens, nicht in Sibirien, wo sie hätten stattfinden sollen, wenn es nicht um Prestige allein gegangen wäre. Die Großmannssucht Russlands und die gnädige Lockerung der
Anti-Homo-Gesetzgebung in Sotschi für die Dauer der Spiele selbst erinnert mich fatal an die Spiele in Berlin 1936, wo sich die Welt auch von einem verbrecherischen Regime blenden und vor seinen Karren spannen ließ.

Und dann ist da noch die Sache mit den Terroristen und der Sicherheit. Seit 1972 werden die olympischen Spiele von einem größer werdenden Sicherheitsaufgebot geschützt und kontrolliert. Manchmal vielleicht aus Angst vor Anschlägen, das Trauma von München sitzt tief, meistens aber auch, um die Macht des herrschenden Regimes zu demonstrieren. Die Spiele finden, so will es Putins Propaganda in diesem Jahr, trotz terroristischer Bedrohung, trotz Gefährdungen durch Regimegegner statt. Wir, so ruft der ungekrönte russische zar aus, die Jugend der modernen Welt, lassen uns durch diese Terroristen nicht einschüchtern und veranstalten trotzdem unsere Spiele! – Welch eine Farce!

Wenn die olympischen Spiele von Terroristen bedroht werden, wenn also während dieser weltweiten Friedensveranstaltung nicht jede Feindschaft ruht, dann ist der olympische gedanke gestorben, und wir können die Spiele abschaffen. Sie machen nur in jenem hellenistischen Kontext des Friedens zwischen den Städten und Nationen Sinn, nicht als politische Propaganda für einzelne Staaten oder Regierungen. Freuen kann man sich auf die Spiele nur, wenn sie im olympischen Geist stattfinden, aber das tun sie nicht. Beenden wir das Theater also und geben wir zu, dass selbst das kleinste Bisschen Frieden in unserer gespaltenen Welt gescheitert ist, dass alles und jedes den Geboten politischer Propaganda, Großmannssucht und Prestigegier weichen muss.

Schafft die olympischen Spiele ab: Sie kosten Geld, Sicherheitsaufwand und bringen nichts, sieht man von den kommerziellen Interessen ab.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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