Pessimistisches zur Weltlage

Ich gebe zu: Der folgende Kommentar oder Beitrag kann gar nicht objektiv, ausgewogen oder sonst in irgendeiner Form sachlich sein. Irgendwie musste es mal raus. Vor allem musste auch mal raus, dass ich von so vielen Dingen zu wenig verstehe, um noch konstruktiv etwas sagen zu können.

Die russischen Separatisten in der Ukraine führen die Todesstrafe ein, während die deutschen Linken dazu schweigen. Geschrien haben sie hingegen, als das ukrainische Parlament für 24 Stunden die russische Sprache in der Ostukraine nicht mehr als Amtssprache haben wollte, diese Entscheidung aber auf öffentlichen Druck hin revidierte. Außerdem werden in der Ostukraine Flüchtlingstransporte beschossen, russische Hilfslieferungen werden an der Grenze aufgehalten, die Untersuchungen zum Abschuss oder Absturz des Verkehrsflugzeuges MH17 werden nach wie vor behindert, und der Konflikt droht, sich zu einem echten Krieg auszuweiten.

Im Irak kämpfen Islamisten, die von Saudi Arabien unterstützt werden, gegen Schiiten, die vom Iran unterstützt werden, gegen Kurden und gegen Christen, und die deutsche Regierung liefert an die Kurden Waffen und wird damit mittelbar zur Kriegspartei im Irak und in Syrien.

In Israel und dem Gazastreifen, zunehmend auch in der Westbank, herrscht offener, unentwirrbarer Krieg, der auch wieder auf den Libanon überzugreifen droht. Wie sollen wir das alles noch verstehen, jetzt, wo auch noch Peter Scholl-Latour gestorben ist? Der Wahnsinn hat die Region fest im Griff, und ein Waffenstillstand ist nicht in Sicht.

In Tunesien und auch in Libyen, wo die Arabellion begann, herrscht Bürgerkrieg, bei dem man nicht weiß, wer da eigentlich gegen wen kämpft, und wer da eigentlich gegen wen welche Art von Macht erringen oder behaupten will. Eines aber ist sicher: Mit dem Versuch, stabile Verhältnisse herzustellen, hat das alles nichts zu tun.

Die Festung Europa sichert sich gegen die Ströme von verzweifelten, ausgebrannten und heimatlosen Menschen mit immer brutaleren Mitteln ab, obwohl es auch europäische Waffen waren, die diese Menschen heimatlos gemacht haben. Der Zynismus der Wohlstandsbehauptung hinterlässt nur noch ein Gefühl von Ekel, Übelkeit und Scham, … und natürlich Angst.

In den USA, wo ein farbiger Präsident im weißen Haus sitzt, ist die Rassentrennung und der Rassendünkel keineswegs überwunden, wie die Ereignisse in Ferguson zeigen, nachdem einfach mal wieder ein dunkelhäutiger Mitbürger erschossen wurde.

Seit einem Jahr regen wir uns über die Datenabhöraffäre auf, denn praktisch alle Länder der Welt werden von den USA und ihren Verbündeten ausgespäht. Und jetzt? Jetzt stellt sich heraus, dass auch wir ausspähen, nicht nur das Handy der US-Außenministerin, auch unseren Verbündeten Türkei. Und auch wir, also die deutschen Geheimdienste, begründen dies mit notwendiger Informationsbeschaffung. Wie dumm, glaubt man, sind eigentlich die Bürger?

Der Untersuchungsausschuss des thüringer Landtages zur NSU-Katastrophe hat seinen Bericht vorgelegt. Ein echtes Staatsversagen hat sich ereignet. Doch das ist nur Beschönigung: Der Verfassungsschutz unterstützt die rechten Mörder mit Waffen, um sie – so heißt es offiziell – dazu zu bringen, ihre mörderischen Motive zu verraten und damit haftbar zu werden. In Wahrheit sind Hass und Überheblichkeit tief in unserem Denken verwurzelt. Die einen hassen Juden, die anderen Ausländer überhaupt, die dritten hassen die USA, die Demokratie, den Westen an sich, Russland, oder die Terroristen, Hauptsache Hass! Und wenn man diesen Hass wie bei den Anti-Israel-Demos dann noch ins Gewand des Friedens kleiden und trotzdem zum Vergasen von Juden aufrufen kann, kommt man sich wohl besonders human vor.

Sagen Sie mir … Ja Sie, die Sie sich nach vernünftiger Berichterstattung, ruhiger Analyse und qualitativ hochwertigem Journalismus sehnen, … sagen Sie mir: Wie soll man angesichts dieses Weltwahnsinns noch den Überblick und einen kühlen Kopf bewahren? Wie soll man Optimismus und Zuversicht aufrecht halten, wenn die Stabilität der Welt stündlich abnimmt und jeder Konflikt zur Katastrophe gerät? Und dann ist da ja noch der Journalismus selbst, der seine Ehre und seine Glaubwürdigkeit verliert, wenn man mit gefälschten Umfragen und Rankings Meinung macht, um Quoten zu erhöhen, Geld zu verdienen oder politische Ziele mittelfristig durchzusetzen.

Gewalt, Hass, Lug und Trug sind inzwischen ungehemmt und offen in nahezu allen Lebensbereichen dominant. Jede Art von Moral, Selbstbeschränkung, Kooperation und Friedensarbeit sind auf dem Rückzug. Natürlich gibt es das alles noch, aber angesichts des zunehmenden Chaos sind solche Bemühungen immer mehr zu vernachlässigen. Neue soziale Bewegungen gibt es kaum, soziale Netzwerke bestimmen mit ihrer kommerziellen Ausrichtung das Leben, und die soziale Schere klafft mehr und mehr auseinander.

Vor 25 Jahren feierten Menschen an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn, zwischen Ost und West, ein paneuropäisches Picknick. Es war der sichtbare Beginn der Öffnung des eisernen Vorhangs, des möglichen Zusammenwachsens des europäischen Kontinents. Damals bestand Hoffnung, damals bestand Optimismus, damals bestand Staunen. Menschen fühlten sich angesprochen und interessiert, nahmen an der Welt teil und spürten ihre Macht zur Veränderung. Doch schnell glitt ihnen das Ruder wieder aus den Händen, und inzwischen gleiten wir immer mehr in eine Steinzeit unter modernen Vorzeichen ab. Irgendwann besteht die Möglichkeit, dass wir wieder in einen verheerenden Krieg geraten, an dessen Ende die wenigen, die dann noch übrig sind sich wiedereinmal fragen: Wie konnte das geschehen? Hatten wir nicht schon so viel aus der Geschichte gelernt?

Nein, so schnell ist geistige Evolution nicht, in unserem Innern tragen wir noch immer den Faustkeil und trinken das Blut unserer Feinde. Und es könnte sein, dass die geistige Evolution zu spät kommt, um den Schaden zu verhindern, den die technische Evolution anrichtet.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.

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Comments

Ein Kommentar zu Pessimistisches zur Weltlage

  1. Jörg sagt:

    Man kann Politik nicht aus dem Bauch heraus beurteilen. Wer aber hat die Kraft, alle Hintergründe zu recherchieren?
    J.

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