Bald sind wir wieder so weit

Bald sind wir wieder so weit:
Schon brennen Flüchtlingsheime, schon sammeln sich die Parteien der Rechten zur „Verteidigung unseres Vaterlandes“. Gewiss: Sie sind zerstritten, sie zerfleischen sich in AFD, Pegida, NPD und Alfa, doch zusammen, wenn einst ein Führer kommt, sind sie stark und schlagkräftig.

Bald sind wir wieder so weit:
Hass auf Ausländer, auf „Fremdrassige“, auf Menschen, deren Lebensweg bislang schon aus Verfolgung, Vertreibung, Angst und Tod bestand, wird bis in die Mitte der deutschen Wohlstandsgesellschaft gepflegt, denn „Wir mit unserem sauberen, geregelten Leben können uns ja auch nicht leisten, in ein Paradies unserer Wahl zu fliehen. Also sind wir doch die Armen, die Unterdrückten und die Bedauernswerten.“

Bald sind wir wieder so weit:
Die Rassisten und die Schlächter spüren Morgenluft. Die Politik weicht zurück vor ihrem Terror, wendet sich gegen die Armen und Verzweifelten, anstatt gegen die Brutalen und Terrorisierenden. Die Mörder sind verirrte, die Verfolgten ein Problem. Die Kanzlerin, mehr die Übermutti als die große Schwester, schweigt, bleibt hart, streichelt und schweigt.

Bald sind wir wieder so weit:
„Deutschland erwache!“ So schreien die Fanatiker auf Demonstrationen, bei Brandanschlägen und an Stammtischen, auch schon auf Parteitagen. Wer wegsehen kann, der sieht weg, man mischt sich lieber doch nicht ein, was hat man schon damit zu tun. Und: „Hat ein so starker Protest nicht auch irgendeinen wahren Kern?“

Bald sind wir wieder so weit:
Wer helfen will, wer Flüchtlinge verteidigt, wird von den Behörden verfolgt. Sie bereiten den Boden. Im Kampf gegen couragierte Linke machen die Schlächter mit den Regierenden schon jetzt gemeinsame Sache. Dem Herrn von Papen gleicht die Pfarrerstochter, beide öffnen Türen und versagen. Siesind Steigbügelhalter.

Bald sind wir wieder so weit:
Im Ausland bekommt man Angst, der Ruf der Nation schwindet, nichts ist geblieben vom gemäßigten, vom fortschrittlichen, friedlichen, der moral verpflichteten Deutschland, vom Deutschland, das aus den Fehlern lernte. Kurz war der Weg vom unschuldigen Nationalstolz der Fußballer zum hasserfüllten Nationalismus der braunen Gruppen. Schon haben Menschen, die hier immer schon lebten, deren Eltern kamen, um hier zu arbeiten, Angst vor der Zukunft, vor der Gewalt und der entmenschlichung. Wer schützt sie vor unserem Rassismus und unserem Herrenmenschentum? Wir alle haben „DAMIT“ doch nichts zu tun.

Bald sind wir wieder so weit:
Dann werden wir hinübergehen in die offene Herrschaft des Unrechts und der Gewalt. Dann werden die morschen Dämme brechen, dann wird sich, wie überall, das Wesen der Nation bahn brechen: Duckmäusertum und Obrigkeitshörigkeit. Und Sigmar Gabriel ist kein Otto Wels, und Gregor Gysi kein Ernst Thälmann.

Und wir, die wir standen und gafften, die wir schrieben und uns die Haare rauften, die wir demonstrierten und nicht einverstanden waren? Wir müssen erkennen: Nur der Aufruf zur Gewalt bringt die Menschen zum Handeln, nicht der flammende Appell an die Menschlichkeit. Wer sagt, dass sich Geschichte nicht wiederholt? Er hat geirrt, denn:

Bald sind wir wieder so weit!

Lest auch unbedingt Sascha Lobos Kolumne zur Flüchtlingshetze in sozialen Medien.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.

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Comments

2 Kommentare zu Bald sind wir wieder so weit

  1. Jörg sagt:

    Wie wahr. Leider.
    Jörg

  2. Lieber Jens,
    hab herzlichen Dank für Deine eindringliche – und leider nötige – Warnung!
    Nahezu täglich müssen wir leider immer wieder einen erneuten Angriff auf die Menschlichkeit erleben. Dabei sind viele Menschen, die da bedroht werden, gerade vor Krieg, Bedrohung und Hunger geflohen.
    Anhand der Texte von drei Liedern beschreibt ein DAAD-Stipendiat aus Syrien unter dem Titel Hunger nach Frieden sehr eindrucksvoll seine Gefühle. Diesen berührenden Text sollten alle lesen, die auf Flüchtlinge schimpfen und behaupten, es gebe zu viele von ihnen. Auch mehrere weitere Texte im Blog der Teilnehmern eines Deutschkurses in Marburg bezeugen, dass wohl kaum jemand ohne Not seine Heimat auf Dauer verlässt.
    In Marburg sind die Zustände glücklicherweise ganz anders. Hier haben bei einer Veranstaltung am Mittwoch (22. Juli) im Bürgerhaus Cappel 400 Menschen den Flüchtlingen im provisorischen Zeltlager ihre ehrenamtliche Hilfe angeboten. Diese große Hilfsbereitschaft erfüllt mich mit Freude.
    Dennoch mache ich mir ebenso Sorgen wie Du. Vor allem frage ich mich, warum nur 22 Prozent der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte aufgeklärt werden. Man stelle sich vor, was los wäre bei der Polizei, würden Polizeireviere oder die Dienstvillen von Politikern angegriffen!
    Es muss dringend etwas geschehen. Solidarität ist ebenso nötig wie eine gerechtere Verteilung des Reichtums in Ost und West, in Nord und Süd.
    Packen wir´s an!
    fjh

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