„Die Sonne scheint noch!“

„Die Sonne scheint noch!“ Es waren vermutlich die letzten Worte, die Sophie Scholl an ihren Bruder Hans richtete, bevor sie über den sonnenbeschienenen Hof im Gefängnis München-Stadelheim geführt und kurz darauf mit dem Fallbeil ermordet wurde. Das war am 22. Februar 1943, heute vor 75 Jahren.

Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, nennt Heribert Prantl seinen Beitrag zur Erinnerung an die Geschwister Scholl, und auch Franz-Josef Hanke spricht von beeindruckender Tapferkeit für Frieden und Mitmenschlichkeit. Heute sind die Geschwister Scholl und ihre Freunde, vor allem Christoph Probst und Alexander Schmorell, Helden. Doch schon vor 36 Jahren sang der Liedermacher Konstantin Wecker: „Jetzt haben sie euch zur Legende gemacht und in Unwirklichkeiten versponnen. Denn dann ist’s einem um den Vergleich gebracht und das schlechte Gewissen genommen. Ihr wärt heute genauso unbequem wie alle, die zwischen den Fahnen stehen, denn die aufrecht gehen sind in jedem System nur historisch hoch angesehen.“

Ich will also nicht von heldenhaften Menschen, von Vorbildern und unbeugsamen Streitern für Recht und Gerechtigkeit sprechen. Gerade die Geschwister Scholl waren ursprünglich begeisterte Anhänger des Nationalsozialismus, und sie waren später ebenso fanatisch in ihrer Gegnerschaft, wie sie vorher radikale Befürworter waren. Das nimmt ihnen nichts von ihrer aufrechten Haltung, nichts von ihrer Tapferkeit und von ihrer Konsequenz, als sie begriffen, dass es sie das Leben kosten würde. Es zeigt aber, dass sie nur Menschen und keine Übermenschen waren, und dass eigentlich viele Menschen fähig wären, ihnen nachzustreben, weil nichts verlangt wird, was unmöglich wäre.

Ich will sprechen von ihrer Wirkung, von der Wirkung ihrer Aktionen. Die Gruppe um die Geschwister Scholl und Alexander Schmorell war sich sicher, dass ihre Flugblätter, die man heute noch nachlesen kann, die Menschen aufrütteln würden. Sie waren wenige, sie waren junge Studenten und Teilzeitsoldaten, sie sahen, was alle hätten sehen können und sehen müssen. Sie wussten von den Verbrechen und den Massenmorden, sie prangerten die Euthanasie an, die Judenvernichtung, die Verbrechen im Krieg. „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, eh es zu spät ist“, forderten sie, doch sie hatten mit ihren eindringlichen Appellen nicht den geringsten erfolg. Ihre sprache richtete sich an das Bildungsbürgertum, an Studenten, Professoren, Literaten. Doch niemand stand auf, im gegenteil. Rassismus, Menschenverachtung, mindestens aber Feigheit und Angst waren so weit verbreitet, dass die Helden unserer Widerstandslegenden nicht den geringsten Erfolg hatten. Ein Hausmeister verriet sie, und das Regime vernichtete sie. Sie hatten Mut, sich offen zu ihrem Widerstand zu bekennen, obwohl sie dafür den Tod erleiden mussten und sie dies auch wussten.

Und nun drohen sie, ein weiteres mal zu versagen, wieder ungehört zu bleiben, immer noch nur Ikonen ohne Inhalt zu sein. Heute erfordert es nur wenig Mut, gegen die Regierung aufzustehen, aber es erfordert bereits wieder Mut, gegen Rechtsradikale zu sprechen und zu demonstrieren. Heribert Prantl nennt die Beispiele: Wer gegen Nazis als Abgeordneter demonstriert, wird von der Staatsanwaltschaft verfolgt, und seine Immunität wird aufgehoben. Wer gegen die AfD spricht, muss zunehmend auch Angriffe auf seine Person oder seinen Besitz befürchten. Schamlos fordern die neuen rassisten das Ende der Erinnerungskultur, Gefängnisse für Andersdenkende, die Unterdrückung missliebiger Pressemeinungen, Freiheit nur für ihre Ideologie. Die Mitglieder der weißen Rose haben erfahren, was mit Menschen passiert, wenn sich keine Hand hebt, um den Mutigen zur Seite zu stehen. Die dumpfe Trägheit des deutschen Volkes, die blinde Gefolgschaft gegenüber Verführern mit einfachen Lösungen und Sündenböcken, das alles ist auch heute wieder präsent. Die Generationen, die heute leben, haben die NS-Zeit nicht mehr miterlebt, mit ihren Eltern kaum gesprochen oder sind stolz auf ihre unpolitische Natur.

„Die Sonne scheint noch!“

Was für ein Gottvertrauen spricht aus diesen Worten. Der unauslöschliche Glaube an die Möglichkeit von etwas Gutem. Das allein ist zu bewundern. Wenn dieser Satz nicht auch nur Legende ist, ist er dann Unerschütterlichkeit oder Naivität? 8 Wochen, so hofften die Geschwister Scholl, würde es noch dauern, bis die Invasion der Amerikaner das deutsche Reich wie ein Kartenhaus zusammenbrechen lassen würde. Es dauerte noch zweieinhalb Jahre. Unerschütterlicher Optimismus oder Naivität? Gewiss: Noch scheint die Sonne. Es ist eine geschenkte Sonne. Die Alliierten haben sie uns geschenkt. Sie heißt Demokratie, Marshall-Plan, Rechtsstaat und soziale Marktwirtschaft. Zu ihr gehören Meinungsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Streikrecht, Recht auf Demonstrationen und ein Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis. Zu den Lehren aus der dunklen Zeit gehörten das Asylrecht und das Verbot des Angriffskrieges. Es war eine schöne, große, wärmende Sonne, die da über uns schien. Sie brachte uns komfortablen Wohlstand und eine lange Friedensperiode, in der wir hätten lernen können, in der wir hätten Dankbarkeit entwickeln können. Dankbarkeit für dieses Geschenk und für die Vordenker, die den Mut hatten, sich gegen die menschliche Brutalität und Niedertracht zu stellen. Doch es ist alles so lange her, und die Erinnerungen sind zu Pflichtterminen verkommen. Wir wollen die Vergangenheit nicht mehr, wollen endlich kein schlechtes Gewissen mehr haben, wollen uns frei, groß, mächtig und selbstbestimmt fühlen. Die geschenkte Sonne ist zugleich viel zu viel Mahnung für uns, also werfen wir sie weg und wenden uns dem Blattgold rechtsradikaler Parolen zu.

Noch scheint die Sonne, doch es gibt immer weniger Menschen, denen ihr Schein etwas bedeutet, die sie erhalten wollen. Ohne uns aber, auf die sie scheint, die aus ihrer Wärme Kraft schöpfen, ist diese Sonne zum Erlöschen verurteilt. Sie braucht uns, unser Engagement, unsere Mitmenschlichkeit und Solidarität, wie wir ihre wärmenden Strahlen brauchen. Schon werden Missliebige wieder verprügelt und ermordet, noch nicht in staatlichem Auftrag, aber von Mörderbanden, die vom Staat geduldet oder bisweilen aufgrund einer unlogischen Polizeilogik unterstützt werden. Die Sonne der Freiheit, der Solidarität und der Moral muss weiterhin scheinen, wenn das Opfer der Geschwister Scholl und ihrer Freunde nicht umsonst gewesen sein soll, und wir sind es heute, die den Mut haben müssen, nicht alles einfach hinzunehmen, nicht in Trägheit zu verharren, sondern zu verteidigen, was uns wert und teuer ist.

„Die sonne scheint noch!“ Es ist ein Versprechen, eine Hoffnung. Wenn die Flamme der Hoffnung erlischt, ist die Sonne auch erloschen.

Ich bin aufgewachsen unter dieser Sonne. Das bedeutet natürlich nicht, dass es keine Probleme gab. Es gab nur einen Rahmen, in dem wir diese Probleme bearbeiten konnten, und es gab eine Übereinkunft, dass wir dies mit gegenseitigem Respekt und Menschlichkeit tun wollten. Nie wieder wollten wir Leichenberge sehen, nirgendwo auf der Welt. Das haben wir nicht erreicht, aber in unserer Kindheit und Jugend konnten wir noch die Früchte genießen, die unter dieser Sonne reiften. Ich habe mit meinen Eltern über Faschismus gesprochen, mit Lehrern, die ihn erlebt hatten. Nicht alle waren Gegner des Regimes gewesen, viele fanden auch Dinge in ihrem persönlichen Leben gut. Ich hatte Freunde in der Schule, deren Großeltern führende Nazis und hohe Militärs waren, deren Familien immer noch stolz waren auf ein Telegramm des führers und eine persönliche Widmung. Meine Erziehung war also nicht per se und vollkommen antifaschistisch. Doch je mehr ich wusste, je mehr ich mit meinen Eltern sprach, je mehr ich von den Opfern auch in unserer Familie erfuhr, desto klarer wurde mir der menschenverachtende Charakter dieses Regimes. Wenn wir wollen, dass die Sonne auch morgen noch scheint, dass sie nicht unter Soldatenstiefeln zertreten wird, dann müssen wir alle uns klar gegen den neuen Rechtsradikalismus stellen, müssen unser „nie wieder“ denen entgegenschleudern, die mit parolen und Gewalt eine zeitenwende erzwingen wollen.

Doch haben wir die Kraft oder auch nur den Willen dazu? Erkennen wir alle die Gefahr, die uns droht? Wissen wir überhaupt, oder wollen wir es auch nur wissen, wie weit wir schon auf dem Weg gegangen sind, der wieder in Angst, in Hass, schließlich in Unterdrückung Andersdenkender und möglicherweise in Vernichtung, Krieg und Diktatur führt? Interessiert uns das überhaupt? Wird Ihnen und euch auch mit jeder neuen Umfrage, mit der die AfD die SPD überholt, mehr Angst und Bange um die Zukunft?
Oder sind wir träge und denken, Gott wirds schon im Schlafe schenken? Oder ist es uns vielleicht sogar recht, dass jemand mit dem großen Besen kommt und auszukehren verspricht? Wenn dies so sein sollte, dann hatte die Sonne ein kurzes Gastspiel.

Die Mitglieder der weißen rose waren Helden in einem bestimmten Moment, sie waren aufrecht und mutig, sie standen zu ihren Überzeugungen. Ohne Bedrohung zu seinen Überzeugungen zu stehen, ist leicht, schwer wird es erst, wenn Überzeugungen Konsequenzen zeitigen. In diesem Sinne waren sie Helden und vorbilder, und es ist auch ihnen zu verdanken, dass die Sonne noch nicht erloschen ist.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

Ein Kommentar zu „Die Sonne scheint noch!“

  1. Goenner sagt:

    Es wird Sie erstaunen und ich werde es aber nicht erklaeren – wozu…
    Die Texte der sechs Flugblaetter:
    http://gutenberg.spiegel.de/buch/-4280/1

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