Schon wieder so ein 8. Mai: Warum wir uns erinnern sollten

Als ich klein war, habe ich alte Männer kennengelernt, sie waren meine Großonkel, ich habe mit ihnen Fußball geguckt und auf ihrem Schoß gesessen, sie waren lustig mit und freundlich zu mir, auch wenn sie mit mir als blindem kleinem Jungen nicht viel anfangen konnten. Schließlich war ich behindert, ein armes Menschenkind, dem man das Leben doch auch hätte ersparen können. Aber ich lebe noch, anders als zum Beispiel mein seelisch kranker Großcousin. Den hat man als unnützen Esser entsorgt.

Meine Mutter mochte diesen jungen Mann, er war Maler und nur manchmal etwas seltsam. Als die Todesnachricht kam, hat sie das nicht verstanden, er starb an Lungenentzündung, dabei hatten sie ihn wenige Tage zuvor noch besucht. Sie ahnte auch als 14jährige, dass da irgend etwas nicht stimmen konnte, doch sie wagte sich damals nicht zu fragen. Was hätte ihre Scharführerin wohl zu einer solchen Frage gesagt?

Am 10. November 1938, meine Mutter war gerade 9 geworden, kam mein Großvater schreckensbleich nach hause. In der Innenstadt von Solingen war nicht nur die kleine Synagoge zerstört worden, sondern es fehlte auch zumindest ein jüdischer arzt, zu dem meine Mutter als Kleinkind immer gern gegangen war. Erst später brachte sie dieses Verschwinden, den Tod ihres Cousins, die subtilen Rechenaufgaben über Schmarotzer, die sie in der Schule lernen mussten, miteinander in Zusammenhang. Und kurz vor Ende des krieges zielte die SS mit einem Flak-Geschütz auf das Haus ihrer Eltern, damit sie und die Anderen in unserer Siedlung sich nicht ergaben. Immer noch war meine Mutter, inzwischen fast 16, Mitglied im Bund deutscher Mädel.

Das alles hat sie mir erzählt, auch vom Tod ihrer Onkel, die an der Front in Russland starben, auch davon, dass die Familie ihren Vater kurz vor Kriegsende versteckte, damit er nicht noch mit 60 Jahren zur Wehrmacht eingezogen wurde. Das alles ist für mich lebendige Geschichte, und heute ist wieder so ein 8. Mai, an dem viele Rechtspopulisten wieder schreien, man solle doch aufhören, sich an die Greueltaten der Nazis zu erinnern, und so schlimm seien sie ohnehin nicht gewesen. Doch die Schreier waren nicht dabei, meine Eltern schon.

Das ist der Grund, warum ich nicht schweige, nicht schweigen will und nicht schweigen kann, wenn irgendjemand versucht, die Verbrechen der Nazizeit zu relativieren. Ich weiß zu viel, in unserer Familie wurde geredet, nicht geschwiegen. Und es wurde durchaus zwiespältig geredet. Lange Zeit war meine Mutter bekennende Nationalsozialistin, vor allem in jungen Jahren. Man sei sicher gewesen als Frau und als Kind, man habe viele tolle Dinge erlebt in der Jugend, zum Beispiel die Osterfeuer, die Wanderungen und die Kameradschaft, außerdem habe Respekt vor Erwachsenen und vor allem vor älteren Menschen geherrscht, fügte sie in höherem Alter hinzu. Auch das ist Wahrheit, und nicht in allen Fällen war es reine Propaganda, es kam auf die persönlich Beteiligten an. Doch keine dieser Errungenschaften oder Verhaltensweisen wiegt auch nur ein einziges Menschenleben auf, das ist meine Wahrheit. Als ich geboren wurde, hatte sich auch meine Mutter längst von den Nazis distanziert, auch wenn sie einige Ansichten beibehielt, die dem kritischen Demokraten, zu dem gerade sie mich erzog, übel aufstießen. Diese Zwiespältigkeit im Reden unserer Familie gibt mir das Recht, zu behaupten, nicht einseitig erzogen worden zu sein. Bei uns gab es Nazis, Sozialdemokraten und Kommunisten in einer Familie.

Jene, die heute leugnen und überall Verschwörung wittern, die mögen behaupten, dass man Papiere über Nazi-Verbrechen gefälscht hat, doch sie können nicht bestehen vor den Zeugen, die noch so gerade eben existieren, oder die ihre Erinnerungen weitergegeben haben. Leider waren es zu wenige, weil viele sich mit ihrer eigenen Verstrickung, ihrer Feigheit und Gleichgültigkeit nicht auseinandersetzen wollten. Doch es gab diese Zeugen, und jede Relativierung ist selbst ein Verbrechen.

Wir sind nicht schuld, nicht wir, die wir heute leben. Wir haben nur die Chance, die Flamme der Erinnerung zu bewahren, aufrecht zu gehen und stolz auf unsere stabile Demokratie und unseren Rechtsstaat zu sein. Mehr als alles andere zeugen diese Errungenschaften davon, wie tief der Schock über die damals im deutschen Namen geschehenen Verbrechen sitzt. Deshalb ist dieser 8. Mai ein Tag zum Erinnern, ein Tag der Dankbarkeit für die Befreiung, ein Tag des Stolzes auf das, was seither geleistet wurde. Wenn wir einen Tag als Tag der Schande bezeichnen wollten, müsste es der 30. Januar sein, an dem Hitler 1933 an die Macht kam. Der 8. Mai hingegen sollte uns ermutigen, uns denen in den Weg zu stellen, die dumm, dreist und Geschichtsvergessen, angeführt von echten Nazi-Ideologen versuchen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und uns diese Errungenschaften wieder zu nehmen.

Seid Menschlich und begeht den Tag der Befreiung, kämpft gegen alte und neue Schrecken und weist jene in die Schranken, die mit bodenloser Dreistigkeit Lügen erzählen über damals, über die zeit lange vor ihrer Geburt.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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