Eine Einladung zu Mastodon

Vor ein paar Tagen schrieb ich über die Veränderungen bei Twitter, und dass mir damit ein Teil meiner Informationsplattform verloren geht. Am letzten Mittwoch debattierten wir daraufhin im Lagebesprech über Sinn und Unsinn von sozialen Netzwerken. Inzwischen habe ich mir Mastodon genauer angesehen und möchte hier eine Einladung aussprechen und erklären, warum man zumindest auch einen Account bei Mastodon haben sollte.

Was wollen sie von einem sozialen Netzwerk? Es ist diese Frage, die am Anfang steht und immer am Anfang stehen sollte. Als ich anfing, mich bei Facebook und Twitter zu registrieren, wollte ich vor allem eins: Kontakte knüpfen und mit Freunden, Bekannten und Gleichgesinnten den Alltag oder Informationen und Ideen teilen. Da war so eine Plattform wie Twitter ideal. Man registrierte sich, suchte mal hier, mal da nach Leuten und Themen, folgte erst Menschen, dann Medien und vergrößerte so sein Netzwerk. Ich war stolz, als ich 100, 200, 300 Follower hatte. Mit der Zeit wurden die Reaktionen auf meine Beiträge spärlicher, und auch ich reagierte nicht mehr so häufig. Warum nicht? Nun: erstens schrieben viele Leute viel Unsinn: Essen, Katzenbilder und ähnliche Nichtigkeiten füllten die Zeitleiste. Zweitens wurde der Umgangston rauher, konnte man von Nazis beleidigt werden, raunzten sich die Leute schlecht gelaunt an oder verstummten. Blieben die Medien, die ich las. Twitter war für mich in den letzten Jahren fast nur noch ein berufliches Medium.

So weit, so gut. Doch in letzter Zeit stieg mein Unbehagen im Bezug auf Twitter immer mehr an, bei Facebook muss ich ohnehin nur noch meinen Account löschen, was mir letztens, als ich es schon einmal probierte, nicht gelang. In letzter Zeit fällt mir immer mehr auf, dass Twitter nicht gegen Hass und Hetze vorgeht, aber gegen die, die sich über Hass und Hetze beschweren. Sie begründen das mit der Meinungsfreiheit. Diese Hetz-Accounts haben viele Follower, was Twitter Werbeeinnahmen bringt, denn das ist der zweite Punkt: Twitter schaltet Werbung, manipuliert die chronologische Zeitleiste der Nutzer und versucht, die Programme vom Netzwerk zu verjagen, die das nicht mitmachen.

Was also macht man, wenn man keine Hetze will und das Geschäftsmodell von Twitter nicht mehr mag?

Meine persönliche Alternative heißt Mastodon. Es hat einige Ähnlichkeit mit Twitter: Die Tweets, sie heißen hier Toots oder Tröts, sind 500 Zeichen lang, und es ist dem Wesen nach ebenfalls ein Kurznachrichtendienst.

Warum ich mich für Mastodon entschieden habe? Ist das nicht auch einfach ein weiteres Netzwerk, das früher oder später ähnlich sein wird wie Twitter oder Facebook? Oder, wenn es das nicht macht, wird es dann nicht einfach untergehen?

Ich hoffe nicht.

1. Mastodon ist kein Startup, keine Firma. Es wurde von einem deutschen Programmierer entwickelt, aber jeder kann daran mitarbeiten, jeder kann einen eigenen Server aufsetzen, eine eigene Instanz. Dann kann er auch an der Software arbeiten. Die Instanzen sind im Hintergrund miteinander verbunden. Wenn man sich bei Mastodon registriert, kann man sich eine Instanz aussuchen, aber man kann mit Leuten von allen Instanzen kommunizieren. Es ist wie die Email: Auf Twitter bin ich Radiojens@twitter, auf Mastodon bin ich @Radiojens@mastodon.social – die Campaignerin Katharina Nocun zum Beispiel findet man unter @kattascha@chaos.social – Man nennt es ein dezentrales Netzwerk.

2. Vorteil eines dezentralen Netzwerks ist es, dass die einzelnen Instanzen nicht so überlaufen sind. Moderatoren und Betreiber können einfacher auf Meldungen von Hetze und Hass reagieren und User sperren, wenn sie gegen die Netiquette verstoßen. Natürlich können sich auch auf einer Instanz viele Trolle, also menschliche Trolle, versammeln, doch man kann diese Instanz dann aus dem Gesamtnetzwerk von außen ausschließen.

3. Weil Mastodon kein Unternehmen ist, finanziert es sich nicht durch Werbung, sondern durch Spenden oder aus der Tasche der Instanzbetreiber. Jeder Nutzer behält die Kontrolle über die eigenen Daten, sie sind jederzeit einseh- und löschbar, mehr als die zur Anmeldung nötigen Daten werden schlicht nicht gesammelt, können also auch nicht an Werbekunden verkauft werden.

4. Wenn man eine Instanz mit nicht so vielen Leuten hat, kann man sich die lokale Zeitleiste ansehen und darüber noch mehr Menschen kennenlernen, mit denen man gleiche Interessen hat.

5. Das Kommunikationsprotokoll ist so offen, dass man auch mit anderen Netzwerken kommunizieren kann, die ebenfalls aus der Community geboren wurden.

6. Der Umgangston ist viel entspannter und durchweg freundlich.

Natürlich gibt es auch Nachteile. An erster Stelle wäre da die Bequemlichkeit zu nennen, die man überwinden muss. Wenn man selbst seine Daten verwaltet, bringt das auch Verantwortung und etwas mehr Aufwand mit sich.

– Um jemandem folgen zu können, muss man nicht nur den Nutzernamen, sondern auch die Instanz wissen, wie bei einer Mailadresse.

– Wenn man von einer Instanz zu einer anderen Umzieht, muss man das seinen Followern mitteilen, sie müssen dann der neuen Adresse folgen. Ich habe bislang einige Umzüge erlebt und festgestellt, dass ein Toot an die Follower meistens reicht, die kriegen das mit und folgen innerhalb weniger Tage der neuen Adresse.

– Die Reichweite ist nicht so hoch wie bei Twitter oder Facebook. Zwar findet derzeit eine Umzugswelle statt, aber es sind noch immer nur rund 1 Million Nutzer, im Gegensatz zu 300 Millionen bei Twitter. Aber hand aufs Herz: Das spielt für Leute, die keine global Player sind, kaum eine Rolle.

– Viele Medien, die ich als Journalist verfolge, sind noch nicht selbst auf Mastodon. Das stimmt zwar, aber ihre Beiträge werden über Bot-Accounts, die auch als solche gekennzeichnet sind, dorthin übertragen.

– Wenn die Instanz, auf der man sich befindet, dicht macht oder einen Schaden erleidet, ist man aus dem Netzwerk gefallen. Man sollte also immer eine Liste der Leute besitzen, denen man folgt, um schnell auf einer anderen Instanz wieder neu beginnen zu können. Diese Liste kann man sich jederzeit herunterladen.

Ein Nach- und ein Vorteil zugleich für uns blinde Nutzer ist: Mastodon läuft am besten über den Webbrowser. Für Smartphone-Nutzer gibt es auch Apps, die bedienbar sind, aber der Rest sollte über den Browser gehen. Die eigentliche Mastodon-Seite ist durchaus auch bedienbar, noch besser ist aber die Web-App Pinafore.

Wer Twitter und Facebook nutzt, trägt zumindest stillschweigend die Politik dieser Firmen mit, lässt sich überwachen und bevormunden oder muss damit rechnen, dass Hass und hetze in der eigenen Timeline auftauchen und nichts dagegen unternommen wird. Man verschenkt seine Daten an werbefinanzierte Großfirmen. Drum wäre die Alternative Mastodon sicher eine Überlegung wert.

Nachdem ich das gesagt habe, muss ich aber zugeben, dass ich Twitter auch jetzt nicht direkt den Rücken kehre. Einige Leute, die ich kenne, haben das getan. Mein Twitterclient gibt mir aber zum Beispiel die Möglichkeit, Tweets, die mir gefallen, vor allem Zeitungsartikel, als Favoriten zu speichern, damit ich sie schnell wiederfinden kann. Das ist bei Mastodon auch möglich, aber ein klein wenig mühseliger. Außerdem ist mein Netzwerk auf Twitter derzeit immer noch um einiges größer als bei Mastodon, und ich kann und werde nicht erwarten, dass alle, die mir wichtig sind, jetzt umziehen. So werde ich meinen Twitter-Account noch eine ganze Weile behalten.

Und schließlich ist es auch möglich, dass Mastodon scheitert, wie schon viele andere Netzwerke zuvor, die nicht von mächtigen Firmen getragen wurden und dem Nutzer mehr Verantwortung aufbürdeten, vor allem aber waren sie nicht ganz so bequem, wie die kommerziellen Riesen. Wenn das geschieht, bleibt mir Twitter immer noch.

Ganz sicher aber verlagere ich meinen Schwerpunkt zu Mastodon, was Kommunikation und Information betrifft.

Was will ich von einem sozialen Netzwerk? Von Twitter will ich Info aus verschiedenen Medien, aber von Mastodon erhoffe ich zusätzlich auch einen freundlichen, respektvollen Ideenaustausch mit unterschiedlichen Menschen.

Probieren Sie es doch auch mal aus: Folgen Sie diesem Einladungslink und gleich auch mir auf Mastodon.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

3 Kommentare zu Eine Einladung zu Mastodon

  1. Herbie sagt:

    Ich bin dem Einladungslink gefolgt. Die Informationen sind unstrukturiert und
    werden durch Meinungen und Geplapper überdeckt. Ein Link von Ihnen über
    Blätter.de oder so ähnlich geht einfach unter. Ziel der Mehrheit scheint es zu sein,
    Die Anzahl der Fellower zu vergrößern. Klar ist, wer etwas schreibt, möchte ge-
    Lesen werden. Die Darstellung wie hier oder in anderen Bloggs scheint mir da
    Geeigneter. Ich habe die in Ihrem Artikel enthaltenen Informationen für mein
    Experiment nutzen können.

    Herbie

  2. @Herbi: Nein, meine Beiträge gehen nicht unter, Wenn Sie sich angemeldet haben, und wenn Sie einigen Leuten folgen, sehen Sie auf Ihrer Home-Timeline nur das, was diese Leute, für die Sie sich interessieren, geschrieben haben. Insofern erreichen meine Beiträge genau die Leute, die sich dafür interessieren.

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