Lass uns #lautsein fordern @MaybeBop und liefern mir meine persönliche Hymne, die für meine ganze Generation stehen könnte

Ich habe bislang selten über Lieder geschrieben, aber heute muss es mal sein. Die Gruppe MaybeBop hat es mal wieder getan: Sie hat ein Lied veröffentlicht, dass derzeit meine persönliche Hymne ist und die Hymne meiner Generation sein könnte.

“Zu spät gebor’n, um irgendwas auszusteh’n gehabt zu haben,
alles im Fluss und nichts im Weg.
Das Aufbegehr’n tief in der Unbefangenheit begraben,
meinungsfrei als Privileg.
Der Tisch gedeckt, jeglichem Luxus einfach zugeflogen,
den Kopf Sand unter meditiert.
Ein Leben lang nur zur Bewegungslosigkeit erzogen,
der Pflicht entbunden und sediert.”
Ich mag die Band schon lange und habe viele ihrer Alben. MaybeBop ist gesangstechnisch, inhaltlich und im Bezug auf die Arrangements meiner Ansicht nach das Beste, was es im deutschsprachigen Raum an
A-Capella-Gruppen gibt. Sie schreiben, singen und reden über viele unterschiedliche Themen, sind oft lustig und fast immer heiter oder zumindest positiv gestimmt. Das macht Mut in Zeiten, in denen man sich manchmal fragt, ob die Welt verrückt geworden ist. Aber sie verbinden ihre Heiterkeit auch immer mit dem Zeitgeist und regen zum Nachdenken an. “Doch es zeigt sich, dass wir Geister riefen,
derweil wir so behütet schliefen,
die, eingeflüstert von Souffleuren,
Vergangenheit heraufbeschwören.
Darum lass uns laut sein!
Erst, wenn man uns hört, dann werden wir geseh’n.
Lass uns laut sein,
um uns nicht ans Schweigen zu gewöhn’n.
Nein, wir müssen laut sein,
was einmal war, darf nicht nochmal gescheh’n.
Lass uns laut sein,
um all den Hass und all die Wut zu übertön’n.”
MaybeBop singen über die digital Natives im geradezu klassischen musikalischen Gewand,

über die Verunsicherung in der heutigen Mediengesellschaft

und warnen munter vor fröhlichem Mitläufertum.

Ihre neue Single #lautsein ist allerdings ein ernsthafter Weckruf besonderer Art.
“Sie woll’n verführ’n, antworten simpel auf komplexe Fragen, indem sie and’re diffamier’n.
Durch off’ne Tür’n befeuern sie Ängste und verlog’ne Klagen, um sich als Opfer zu inszenier’n.
Umso mehr verfang’n sich in den Netzen,
je greller sie krakeel’n und hetzen.
Und wer versucht, sie wegzuschweigen,
den werden sie sich einverleiben.”
Ich bin Jahrgang 1969, und als ich geboren wurde, stand Willy Brandt kurz davor, Bundeskanzler zu werden. Glücklicherweise wurde in meiner Familie viel über den zweiten Weltkrieg und die Naziherrschaft gesprochen. In meiner Familie gab es Nazis und Kommunisten, ermordete Behinderte und Mitläufer. Trotzdem: Ich bin immer in der Erwartung aufgewachsen, dass sich so etwas nie wiederholen kann. Spätestens in den siebziger Jahren war die deutsche Demokratie doch absolut gefestigt, und keiner war mehr Nazi. Heute weiß ich, dass ich mich getäuscht habe. “Wer nur im Gestern lebt und Mauern baut,
der duckt sich, weil ihm vor der Weitsicht und dem Morgen graut. Doch Fakt ist: Alles ist vergänglich,
nur der Wandel hat Bestand.
Und wer sich weigert, das zu sehen,
fährt die Welt gegen die Wand.”
Auch ich gehörte lange zu den Menschen, die sagten, dass sich nichts an dieser schönen, ruhigen Republik ändern soll, allerdings hat mich das nie dazu geführt, Flüchtlinge, Homosexuelle, Sinti und Roma oder Zeugen Jehovas abzulehnen. Aber die Angst vor großen Veränderungen ist vermutlich etwas natürliches. Doch der Klimawandel, die
Flüchtlingsströme, das Ende der amerikanischen Hegemonie, all das geht ja nicht einfach weg, wenn man die Augen schließt wie der gefräßige Plapperkäfer vom Tral. Auch die innenpolitischen Probleme wie der Neoliberalismus lassen sich nicht wegschweigen. Die Lösungen, die die rechten Verbrecher uns vor fast 90 Jahren für solche Probleme angeboten haben, haben uns in einen vernichtenden Weltkrieg und den unmenschlichen Holocaust geführt. Die Veränderungen, die durch den Klimawandel und unsere jahrzehntelange Ausbeutung jetzt anstehen, die müssen wir gemeinsam tragen, mit Solidarität und Mut.
“Die Zukunft kommt – und sie macht nicht Halt an irgendwelchen Grenzen. Darum lass uns laut sein!
Zeigen wir, dass mit uns zu rechnen ist.
Lass uns laut sein
im Kampf gegen Wirklichkeitsverlust.
Ja, wir müssen laut sein,
gegen die Niedertracht und Hinterlist.
Lass uns laut sein,
damit niemand sagen kann,
er hätt’ von nichts gewusst.”
Gegen die Rattenfänger hilft nur gemeinsames Aufstehen und Klarheit, Solidarität und Mitmenschlichkeit.
“Laut sein,
wir setzen uns gegen Hass und Wut zur Wehr.
Lass uns laut sein,
damit wir uns nicht alleine fühl’n –
denn wir sind mehr.”
Ja, wir sind mehr, und der Mutmacher von MaybeBop trägt dazu bei, dass wir es auch bleiben, zumindest, wenn wir laut sind! Vielen Dank dafür! Und wenn ihr dieses wunderbare Lied jetzt auch noch hören wollt, dann folgt dem folgenden Youtube-Link.

Und hier habe ich den Text gefunden.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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