Der große Sprung 4: In der Mondumlaufbahn

Vor 50 Jahren startete die erste Mondlandung. Leider habe ich damals nicht dabei sein können, ich war erst 155 Tage alt, als das Raumschiff abhob. Trotzdem fasziniert mich das Geschehen von damals. An diesem 4. Missionstag sollte Apollo 11 in die Mondumlaufbahn eintreten.

19.07.1969, irgendwann zwischen Mitternacht und 1 Uhr in Houston, während in Deutschland der Morgen bereits anbricht. Die Mitglieder des schwarzen Teams diskutieren in ihrem verrauchten Kontrollraum eine wichtige Frage: Soll man die Kurskorrektur Nr. 4 durchführen oder nicht? Bis zu 4 Korrekturen waren auf dem Weg zum Mond vorgesehen gewesen, doch nahch der ersten, die perfekt gelungen war, hatten sie die zweite und dritte streichen können. Jetzt geht es um die vierte. Die Frage lautet schlicht: Sollen wir die Crew schon um halb sechs für zwei Stunden Arbeit wecken, um eine ganz geringe Korrektur durchzuführen, oder verschmelzen wir diese Winzigkeit mit der Triebwerkszündung, die uns nachher in die Mondumlaufbahn führt und lassen die Crew zwei Stunden länger schlafen? Es ist keine lange diskussion. Schnell ist man sich einig, dass der Missionsverlauf die Hoffnung rechtfertigt, dass auch die vierte Korrektur unnötig ist. Die Crew soll schlafen, halb neun ist früh genug. In dieser Nacht ist eine bedeutsame Veränderung vor sich gegangen. Bis kurz vor Mitternacht hatte sich die Raumkapsel immer noch im Schwerefeld der Erde befunden. Die Anziehungskraft der Erde hatte sie nach und nach verlangsamt. Da man im Weltraum sehr viel Treibstoff verbraucht, kann man nicht beliebig herumfliegen, sondern muss berechnen, mit wieviel Treibstoff man bei einer Zündung so weit wie möglich kommt. Die Zündung zu beginn des Fluges, die die apollo 11 auf den Weg zum Mond brachte, reichte aus, um ihr Schwung zu geben, der aber von der Erdanziehung nach und nach aufgefressen wurde. Wie wenn man einen Stein in die Luft wirft, der so lange steigt, bis die Erdanziehung stärker ist als der Schwung, den der Wurf dem Stein verliehen hat. Doch Apollo 11 stürzt jetzt nicht auf die erde zurück. In dieser Nacht nämlich ist das Schwerefeld des Mondes stärker geworden als das der Erde. Der Mond zieht das Raumschiff nun zu sich heran, und seine Geschwindigkeit nimmt wieder zu.

Um halb sieben meldete sich Buzz Aldrin mit der Frage, ob die Kurskorrektur benötigt wurde, und so bekam der bislang kaum beschäftigte CapCom Ron Evans die Gelegenheit, die Crew zu begrüßen und noch einmal für zwei Stunden ins Bett zu schicken.

71 Stunden nach dem Start, 08:30 Uhr in Houston, 13:30 Uhr in Deutschland, begann der tag, jetzt wieder mit dem grünen Team unter Cliff Charlesworth und mit dem CapCom Bruce McCandless. Nach den ersten Begrüßungen und den üblichen Anweisungen bezüglich der CO2-Filter, fragte McCandless auch die Schlafzeiten der Astronauten ab. Auch das eine Routine jeden Morgen. Buzz Aldrin hatte mit sechseinhalb Stunden eine Stunde weniger geschlafen als die beiden Anderen. Dann machten sie sich daran, Bilder von der sonnenbeschienenen Erde zu machen, während sie sich im Schatten befanden. Von der Sonne angestrahlt verbreitete die Erde ein ziemlich helles Licht. In ihrem Schein konnte man gut einige Krater auf dem Mond ausmachen und identifizieren, und Michael Collins sagte: “Die erde strahlt so hell, in ihrem Schein kannst du ein Buch lesen.”

Um 10 Uhr houstoner Zeit gab es wieder die neuesten Nachrichten. Dazu war der Astronaut Fred Haise, der zur Ersatzmannschaft gehörte, ins Kontrollzentrum gekommen. Bruce McCandless und Haise wechselten sich beim Verlesen der Nachrichten ab, und Haise klang wie ein
professioneller sprecher.
“Ihr seid das Top Thema in allen nachrichten. Sogar die russische Pravda schreibt über euch und nennt Neil den Zaren des Schiffes. Irgendwie sind die wohl in der falschen Mission. … In Houston haben sich gestern eure Frauen zum Mittagessen bei den Aldrins getroffen. … Sogar eure Kinder erscheinen in den Nachrichten. Als man Mike Junior fragte, ob sein Vater gerade Geschichte schriebe, meinte er: “Ja.” Nach einer kurzen Pause fragte er: “Was ist geschichte?” … Es wird euch vielleicht interessieren, dass Ruby Graham, eine Astrologin hier aus Houston, eine erfolgreiche Landung vorhersagt. Neil sei Clever, Mike habe ein gutes Urteilsvermögen, und Buzz könne schwierige Probleme lösen.” Die Astronauten kommentierten das nicht, sondern unterhielten sich über Baseball, und Michael Collins ließ seinem Sohn ausrichten, er solle sich besser benehmen. Dies alles geschah wenige Stunden vor dem Einschwenken in die Mondumlaufbahn, als sei all das schon Routine. Man hört nichts von der Spannung, die zweifellos geherrscht haben muss, von der Aufregung, ganz kurz vor etwas unerhörtem, etwas neuem zu stehen, einen Boden zu betreten, den noch niemals ein Mensch betreten hatte.

Während die Daten für den Eintritt in die Umlaufbahn des Mondes, also Triebwerks und Bahndaten, von der Bodenstation in den Computer der Apollokapsel übertragen wurden, berichtete Neil Armstrong vom ersten guten Anblick des nahen Mondes. “Der Blick auf den Mond, den wir vorhin hatten, ist wirklich spektakulär. Er füllt drei viertel des
Lukenfensters, und wir können natürlich die ganze Rundung sehen, obwohl die Hälfte im Schatten liegt und die Hälfte im Erdschein. Allein für diesen Anblick hat sich die Reise gelohnt.” Armstrong war nicht so nüchtern wie sonst.
“Das würde ich gern sehen”, antwortete McCandless, und Collins erwiderte: “Ich hoffe, du bekommst deine Chance bald.” “Irgendwann werden wir das ganze Kontrollzentrum zum Mond holen, dann müsst ihr nicht mehr dauernd die Antennen wechseln und schwierige Kommunikation betreiben”, scherzte Armstrong.

In Houston zeigte die Uhr 13 Uhr, in Deutschland 18 Uhr am 19. Juli 1969. Die Astronauten hatten etwas gegessen und ihre Hausarbeiten gemacht, da kam von der Bodenstation die Meldung “Ihr seid go für LOI!” LOI war die Lunar Orbit Insertion, der Einschuss in die Mondumlaufbahn. Sie sollte hinter dem Mond erfolgen. Alle Daten waren in den Computer eingegeben, sie mussten nur im richtigen Moment zünden, den Rest besorgte das Triebwerk automatisch. Schon in 10 Minuten würde das Raumschiff hinter dem Mond verschwinden, und dort gab es keine Funkverbindung zur Erde. Houston würde nicht beobachten können, was dort vor sich ging und ob alles funktionierte.

Durch die Anziehungskraft des Mondes war Apollo 11 wieder recht schnell geworden. Die Bahn war vor vier Tagen so gewählt worden, dass das Raumschiff knapp am Mond vorbeiflog. Nur so konnte man in eine Umlaufbahn einschwenken, sonst wäre man auf dem Mond zerschellt, selbst wenn man abgebremst hätte, denn man hätte ja keinen Flugvektor in eine Richtung gehabt. Jetzt aber war die Geschwindigkeit zu hoch, um vom Mond eingefangen zu werden. Das Raumschiff würde um den Mond sausen und entweder auf einen Kurs zur Erde zurück geraten, oder im Weltraum verschwinden, ohne eine Chance auf Rückkehr, denn so viel Treibstoff hatte man nicht. Deshalb war die Verlangsamung der Geschwindigkeit hinter dem Mond nötig, um in eine Umlaufbahn einzuschwenken. Ich hoffe, ich habe es so erklärt, dass auch Nichtphysiker es verstehen. Ich selbst bin ja auch einer, drum bitte ich die Physiker, meine vereinfachte Ausdrucksweise zu entschuldigen.

13:12 Uhr in Houston.
McCandless: “Apollo 11, hier ist Houston. Alle eure Systeme sehen gut aus, bevor ihr um die Ecke geht. – Und wir sehen euch auf der anderen Seite wieder.”
Armstrong: “Verstanden. Hier sieht alles gut aus.
McCandless: “Roger und aus.”
Ein Rauschen noch, dann verschwand der Punkt, der Apollo 11 darstellte, vom linken Rand der Mondkarte, die seine Vorderansicht zeigte. Das Raumschiff war nun für mehr als 40 Minuten im wahrsten Sinne des Wortes hinter dem Mond und würde dann auf der rechten Seite wieder auftauchen, es flog in westlicher Richtung über den Mond.
“Es ist sehr still hier im Kontrollraum. Die meisten Flugkontrolleure sitzen an ihren Konsolen, einige wenige sind aufgestanden, doch es bleibt sehr still”, erklärte der ständige Presseoffizier
Ich kann mir vorstellen, dass sich diese Kontrolleure sehr hilflos gefühlt haben müssen. Sie konnten absolut nichts tun. Wenn das Triebwerk von Apollo 11 gar nicht zündete, würde man bald wieder von der Besatzung hören und konnte sie auf einen Kurs zur Erde bringen. Wenn das Triebwerk aber einen Teil seines Treibstoffes verbrannt hatte, dann aber ausgefallen war, war es durchaus möglich, dass man zwar den Kontakt zu den Astronauten wieder herstellen, sie aber nicht mehr retten konnte. Ich nehme an, dass die Leute dort in Houston genug vertrauen in ihre Maschinen und die Besatzung hatten, dass sie nicht vom schlimmsten ausgingen, aber sie werden es sicher nicht völlig aus ihren Gedanken verbannt haben können.

In der Raumkapsel verlief alles nach Plan. Ungefähr eine halbe Minute vor der Triebwerkszündung sagte Michael Collins: “Schaut mal, der Mond in all seiner pracht.”
Armstrong stimmte ihm zu, und Collins fügte hinzu: “Sieht ziemlich grau aus, wenn ihr mich fragt.”
“Schaut euch das nur an”, rief Aldrin bewundernd, doch Armstrong unterbrach: “Schau jetzt nicht hin, die Triebwerkszündung steht bevor.”

Das Triebwerk zündete, und die Besatzung befasste sich die ganze Zeit über mit den Anzeigen, danach schrieb sie die Fluglagewerte für Houston auf. Offenbar war das Manöver sehr gut gelungen, Collins lobte die Ingenieure, die an den Verfahren und den Geräten gearbeitet hatten.

Nun konnten sich die drei Männer, die da einsam hinter dem Mond schwebten, über die Farbe des Mondes unterhalten. Im ersten Moment waren sich alle einig: Er sieht braun aus.
“Aber als ich ihn eben aus dem anderen Winkel sah, als die Sonne anders schien”, meinte Aldrin, “da wirkte er grau auf mich.”
“Bei welchem Sonnenwinkel?” fragte Collins nach.
“Je höher der Sonnenwinkel, desto brauner wird die Oberfläche”, erklärte aldrin.
Armstrong brach das Gespräch ab: “Leute, wir haben noch ein paar Dinge zu tun.” Es war schwer, die Anderen vom Anblick des Mondes loszureißen.

Nachdem sie einige Daten aufgeschrieben und den Computer gefüttert hatten, nahmen sie Bilder vom Mond auf und warteten auf den Erdaufgang. Sie entdeckten einen großen Krater und versuchten, ein Bild zu machen, immerhin befanden sie sich auf der Rückseite des Mondes. Man hört ihnen die Begeisterung an.
“Kein Zweifel, das hier ist kleiner als die Erde”, scherzte Collins irgendwann.
Doch dann übertrafen sie sich in bewundernden ausrufen und den Versuchen, von allem, was sie sahen, Bilder zu machen, während ihre treue Raumkapsel sie um den Mond flog.
Das letzte Bild zeigte die aufgehende Erde, allerdings in schwarzweiß, den Farbfilm hatten sie schon fast aufgebraucht.

Um 13:48 Uhr Houstoner Zeit kam der Kontakt zwischen Raumkapsel und Bodenstation wieder zustande. Die Erleichterung war groß, das Manöver hatte funktioniert.

Mit Charly Duke, der inzwischen wieder an der Com-Konsole war, beobachteten sie einige Krater und Gebirge. Nach der nächsten Umrundung, die fast schon Routine war, setzten sie diese Beobachtungen mit eingeschalteter Fernsehkamera fort, damit man in Houston auch Bilder hatte. Als sie das Meer der Fruchtbarkeit überflogen, sagte Collins: “Sieht mir nicht sehr fruchtbar aus. Wer hat das wohl so genannt?” “Das könnte ein Astronom namens Langrenus gewesen sein, nach dem hier auch ein Krater benannt ist. Er arbeitete für den spanischen König und fertigte eine der ersten ziemlich exakten Mondkarten an”, belehrte ihn Armstrong.
“Interessant”, kommentierte Duke, und Armstrong fuhr fort: “Es passt jedenfalls besser für unsere Zwecke als das Meer der Krisen.”

Während der Triebwerkszündung zum Einschwenken in die Umlaufbahn war der Druck in einem Stickstofftank gestiegen, und die Flugkontrolleure widmeten sich mit der Besatzung diesem Problem, als die Fernsehsendung beendet war. Außerdem gab es ein Update zu den Daten der zweiten Triebwerkszündung an diesem Tag. Bislang war die Umlaufbahn um den Mond stark eliptisch, durch eine Korrekturzündung des Triebwerks wollte man eine fast kreisförmige Umlaufbahn erreichen. Diese Zündung fand wieder hinter dem Mond statt, ohne Verbindung mit Houston. Obwohl sie ein Triebwerk zu zünden hatten, nahmen sie sich wieder viel Zeit, die Krater und Landmarken zu betrachten, von denen sie nicht genug sehen konnten. Es war der Blick auf eine andere Welt, einen kleinen Planeten, der nicht die erde war, und nur 6 Menschen, die Besatzungen von Apollo 8 und 10, hatten diesen Anblick vor ihnen genießen können.

Immer wieder tauchten Kommunikationsprobleme auf, und wenn sie auch nur kurz auftraten, so hatten sie sich doch in den letzten 48 Stunden gehäuft. Oft musste die Bodenkontrolle die Stationen des weltweiten Netzwerkes wechseln, um eine gute Verbindung mit dem Raumfahrzeug zu behalten.

In der nächsten Zeit beschäftigten sich die drei Astronauten damit, den Druckausgleich zwischen der Mondfähre und der Kommandokapsel herbeizuführen, dann öffneten sie die fähre. Im Innenraum hatte sich eine kleine Wasserpfütze gebildet, die sie irgendwie entfernen mussten. Houston versprach, sich mit einer Lösung des Problems zu melden. Später haben sie es mit mehreren Schwämmen aufgewischt. Derweil suchte Mike Collins seinen Rasierer und die Rasiercreme, die durch den Raum davon schwebte und erst wieder eingefangen werden musste. Von besonderer Aufregung war nicht viel zu spüren, sieht man von den spektakulären Bildern ab, die die Mannschaft sah, wenn sie aus dem Fenster blickte.

Die Funkverbindung zwischen der Mondfähre und der Bodenstation, die später so wichtig war, war extrem schlecht und musste zunächst konfiguriert werden. Es war definitiv nicht so wie bei einem heutigen Computer, das man ihn einschaltet und er funktioniert. man stelle sich vor, man schafft es nicht, diese Kommunikation herzustellen, dann muss man die Mission abbrechen. Unter diesen Umständen ist eine Landung nicht möglich. Nur die Computer auf der Erde waren in der Lage, die Bahnberechnungen vorzunehmen. Der Computer des Raumschiffes oder der Mondfähre konnten nur mit den Ergebnissen gefüllt werden.

An diesem Abend saß die Crew beim Essen, und es sind ein paar private Gespräche überliefert. Wer sollte wo schlafen? Eine wichtige Frage, denn Michael Collins wollte, dass seine Kameraden für ihren morgigen Ausflug zum Mond eine gute Mütze voll Schlaf bekämen. Er schenkte ihnen auch Süßigkeiten, und sie scherzten und lachten ein wenig miteinander. Es war schon nach Mitternacht in Houston, als sie sich endlich zur Ruhe begaben. Keiner von ihnen sollte in dieser Nacht besonders gut schlafen. Der nächste Tag, der 20. Juli 1969, war der Tag für die
Geschichtsbücher. Die Routine, die scheinbare Langeweile, all das war mit dem Wecken am nächsten Morgen endgültig vorbei.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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