Der große Sprung 7: Rückstart zur Erde

Vor 50 Jahren startete die erste Mondlandung. Leider habe ich damals nicht dabei sein können, ich war erst 155 Tage alt, als das Raumschiff abhob. Trotzdem fasziniert mich das Geschehen von damals. Nachdem die Großtaten vollbracht waren, wollte die Mannschaft nach Hause, hatte aber noch einen sehr langen und schwierigen Tag vor sich.

21.07.1969, 08:30 Uhr in Houston, 14:30 Uhr in Deutschland. Im Kontrollzentrum macht man sich bereit für einen langen Tag. Die Spannung der vergangenen Tage, die Hektik der historischen Augenblicke ist vorbei, jetzt steht wieder normale Arbeit an, eine Arbeit, die heute nicht leicht werden wird. Das Team Schwarz unter Glynn Lunney wird heute zu seinem Recht kommen, es ist das Team, das für den Aufstieg verantwortlich ist. Leider schlafen die Astronauten nicht gut: Neil Armstrong wacht immer wieder auf, Buzz Aldrin wird nicht überwacht, nur Michael Collins, der die ganze Raumkapsel Columbia für sich hat, schläft ausgezeichnet. Während des ganzen gestrigen Tages hat er versucht, den genauen Standort der “Tranquility Base”, also der Mondfähre auf der Oberfläche, ausfindig zu machen, konnte sie jedoch nicht entdecken. Immer wieder haben ihm die Flugkontrolleure neue Daten zum Suchen gegeben, doch es blieb erfolglos. Die genaue Stelle ist immer noch nicht bekannt. Der Presseoffizier der NASA sagt, dass Michael Collins der einsamste Mensch seit Adam ist, wenn er mit seiner Raumkapsel hinter dem Mond verschwunden ist. In dieser Zeit ist jede Art von Verbindung zu irgendeinem anderen Menschen vollkommen unmöglich. Hinter dem Mond lebt er in absoluter Einsamkeit, die nicht durchbrochen werden kann. Jetzt, nachdem das große Ziel erreicht ist, wird es Zeit, die Heimreise anzutreten.

Um 09:31 Uhr (15:31 Uhr deutscher Zeit) wurde Michael Collins geweckt, 40 Minuten später die Crew auf dem Mond. Sie mussten den Start ihres Triebwerks vorbereiten. Sie hatten tatsächlich nur 3 bis 4 Stunden geschlafen, und das nicht einmal gut. Armstrong hatte sich aus einer Sicherungsleine eine Schlinge für seine Beine gebaut und es sich auf der Triebwerksabdeckung bequem gemacht, Aldrin hatte sich auf dem Boden zusammengerollt. Jetzt mussten sie ihre Tanks vorwärmen, die Lithium-Hydroxid-Kanister, die das CO2 aus der Atmosphäre entfernten, austauschen und die Vielen Instrumente in die Richtige Position für den Start bringen. Buzz aldrin drückte mit einem Filzstift den abgebrochenen Schalter für die Sicherung des Triebwerkes ein, damit sie es später zünden konnten. “Ich wäre jetzt nicht mehr in der Lage, die Sicherung auszulösen”, berichtete er dem Kontrollzentrum. “Macht nichts, wir müssen das nicht mehr umstellen”, antwortete ihm Ron Evans. Ein letztes mal versuchten sie, ihre genaue Landestelle zu ermitteln. Dazu wurde das Rendezvous-Radar eingeschaltet, als Columbia über sie hinweg flog, damit man aus den Daten, die das Radar lieferte, den Standort bestimmen konnte. Doch auch dieser Versuch schlug fehl. Die jüngste Schätzung der Kontrolleure lag allerdings nur noch 200 Meter neben dem tatsächlichen Landepunkt der Mondfähre.

“Eagle” war ein seltsames gefährt. Alle möglichen Tanks, Antennen und gerüste waren um eine Druckkabine angeordnet, in der die Astronauten lebten, und dies alles stand auf einer Plattform mit Triebwerk, die auf dem Mondboden stand. Diese Plattform mit Triebwerk, die sogenannte Abstiegsstufe, würde auf dem Mond zurückbleiben, wenn “Adler” wieder abhob. Zurückbleiben würde auch der Müll, das seismographische Instrument und die Flagge der vereinigten Staaten von Amerika.

Nach einem Gratulationsanruf durch Jim Lovell, den Kommandanten der Ersatzmannschaft, um 11:40 Uhr (17:40 Uhr deutscher Zeit), wurden die letzten Vorbereitungen getroffen. Um 12:53 Uhr (18:53 Uhr deutscher zeit) hob “Eagle” von der Mondoberfläche ab. Armstrong konnte aus dem linken Fenster erkennen, wie die US-Flagge, die ohnehin nicht besonders sicher im Mondboden steckte, zu Boden sank. Jetzt kam der Teil der Mission, bei dem der Flugplan nur einen ungefähren Rahmen schaffen konnte. Nur ungefähr hatte man berechnen können, wie schwer die Mondfähre sein würde, wie lange das Triebwerk würde brennen müssen, wie hoch genau es das Gefährt bringen würde, wie weit genau man von der Bahn des Mutterschiffes entfernt war, an das man schließlich wieder andocken wollte. Nach ungefähr 10 Minuten hatte die Mondfähre einen sehr niedrigen Orbit erreicht, und einen sehr eliptischen noch dazu, mal rund 15, mal rund 70 Kilometer hoch. Dies war nur ein erster Schritt hinauf zum Mutterschiff. Armstrong und Aldrin filmten den Aufstieg aus dem Fenster hinaus, und sie machten auch Fotos. Knapp eine Stunde nach dem Start erfolgte die zweite Zündung, die Armstrong und Aldrin so hoch brachte, dass sie mit Columbia auf einer Sichtlinie waren. Die Computer und Radars errechneten, teilweise mit Hilfe der Bodenkontrolle, ein weiteres Manöver, das “Eagle” und “Columbia” bis auf wenige Meilen zusammenführte. Um 14:50 Uhr (20:50 Uhr deutscher Zeit) erfolgte dieses dritte Brennmanöver.

Vielleicht sollte man hier ein paar Worte über die Fortbewegung im Weltraum verlieren. Dort zu fliegen ist ganz anders als in einer Atmosphäre. In der Atmosphäre braucht man ständig Triebwerksschub, sonst verlangsamt man wegen der Schwerkraft und stürzt schließlich ab. Im Weltraum beschleunigt man, schaltet dann das Triebwerk ab und bleibt ungefähr auf dieser Geschwindigkeit. Das Bremsen erfordert ebenfalls eine Triebwerkszündung, genau wie die Drehung um nur wenige Grad oder eine Verlagerung des Raumschiffes. Treibstoff ist schwer, beim Start muss man versuchen, so genau wie möglich zu berechnen, wieviel man während der ganzen Mission brauchen wird. Um eine kleine Raumkapsel wie Apollo 11 in einen Erdorbit und dann zum Mond zu bringen, bedurfte es der Rakete von 110 Metern höhe. Hätte man im Weltraum frei manövrieren wollen, hätte man eine Rakete bauen müssen, die dreimal so groß gewesen wäre, und das Raumschiff hätte riesige Treibstofftanks mit sich führen müssen. Man kann während der gesamten Mission nicht nachtanken, die Treibstoffmenge ist genau berechnet. Nun ist eines der schwierigsten Manöver, zwei sich bewegende Raumschiffe zusammenzuführen, die jeweiligen Geschwindigkeiten zu verringern und sie sanft aneinander andocken zu lassen. Das ist auf der Straße, wo man frei manövrieren kann, relativ einfach, zumal sich zwei Autos nur in zwei Dimensionen bewegen und nicht in dreien. Selbst in der Luft geht das einigermaßen, die Schwerkraft der erde ist ein gemeinsamer Bezugspunkt, die Höhe muss bei beiden flugzeugen stimmen, alles weitere hängt vom Geschick der Piloten ab. Im Weltraum ist da echte Meisterschaft gefragt, und man hat nicht viel Treibstoff, um herumzuprobieren.

Das war die Situation, als sich “Eagle” und “Columbia” einander annäherten. Sie mussten ganz langsam sein, auf gleicher Höhe, beide Luken aufeinander ausgerichtet. Dies zu vollbringen ist eine fliegerische Meisterleistung, und die Bodenkontrolle konnte hier nicht helfen, weil es auf die Sicht der beteiligten Piloten ankam. In den letzten 20 Minuten des Manövers mussten sie mit ihren Manövrierdüsen ganz kleine Veränderungen durchführen und ausgleichen, ihr Radar einsetzen, den computer befragen. Und doch wäre während des
Dockingvorganges die Mondfähre beinahe ausgeschehrt, und nur der Geistesgegenwart von Michael Collins war es zu verdanken, dass “Columbia” mit einer schnellen Bewegung folgte und die Fähre doch noch einfing. Um 16:32 Uhr (00:32 Uhr deutscher Zeit) waren die Fahrzeuge wieder verbunden.

Es dauerte eine Stunde, bis zwischen beiden Fahrzeugen ein
Druckausgleich hergestellt und die Luke geöffnet worden war. Während sich das jetzt wieder vollständige Raumfahrzeug hinter dem Mond befand, begannen Armstrong und Aldrin damit, die Container mit Mondgestein in die Kommandokapsel zu räumen. Natürlich war Michael Collins neugierig. Nachdem die beiden Mondfahrer alles, was sie zur Erde mitnehmen würden, mit einer Art Staubsauger vom Mondstaub befreit hatten, kehrten sie in die Kommandokapsel zurück. Collins durfte einen Blick in den Probencontainer werfen, jedoch ohne Staub aufzuwirbeln. Dann wurde die Luke wieder verschlossen, und um 18:41 Uhr (00:41 Uhr deutscher Zeit) wurde die Mondfähre von der Kommandokapsel getrennt, kurze Zeit später entfernte man sich mit einer kleinen Zündung von dem kleinen Raumschif.

Manche mögen sich fragen, warum man die Mondfähre nicht wieder zurück zur Erde brachte?
Die Antwort ist einfach: Mit der “Eagle” zusammen wäre die Apollo-Kapsel zu schwer und zu unförmig für den Wiedereintritt in die erdatmosphäre gewesen. Außerdem hätte die Mondfähre die Hitze beim Wiedereintritt nicht überstanden. Sie war nur für die Benutzung im Raum und auf dem Mond gebaut und viel zu leicht und zu dünn für irdische Verhältnisse. Während des Starts hatte das kleine Raumschiff in einer Schutzhülle in der dritten Triebwerksstufe gesteckt und war nicht so hohen Belastungen ausgesetzt gewesen, beim Wiedereintritt aber hätte es Hitze und Schwerkraft aushalten müssen. Außerdem wäre Apollo 11 auf dem Rückflug um mehr als 5 Tonnen schwerer gewesen, und um zur Erde zu gelangen musste das Triebwerk noch einmal gezündet werden. Hätte man die Mondfähre mitnehmen wollen, hätte man wesentlich mehr Treibstoff gebraucht, um den erforderlichen Schub für die schwerere Raumkapsel zu erzeugen. Aus all diesen Gründen war es effizient, die Mondfähre zurückzulassen, auch wenn es den Astronauten schwer fiel. “Eagle” war ihnen ans Herz gewachsen.

Nachdem sie sich von ihrer Mondfähre verabschiedet hatten, bereiteten sich die Astronauten auf die TEI vor, die trans earth insertion, das Einschwenken auf eine Flugbahn, die sie in Richtung Erde bringen würde. Einmal noch umkreisten sie den Mond und machten Fotos, dann wurde um 23:55 Uhr (05:55 Uhr deutscher Zeit) das Triebwerk gezündet, um sie auf den Kurs zur Erde zu bringen.

Noch einmal fotografierten sie den Mond, um ihre Filmrollen zu füllen, dann beantworteten Armstrong und Aldrin noch einige Fragen der Geologen zum Mondboden und zum Mondgestein. Schließlich räumten sie auf, damit sie alle Platz in der Raumkapsel hatten, und um 02:41 Uhr (08:41 Uhr deutscher zeit) verabschiedeten sie sich von der Bodenstation und gingen Schlafen. Und diesmal schliefen sie 10 Stunden durch.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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