Der große sprung 8: Entspannte Rückreise

Vor 50 Jahren startete die erste Mondlandung. Leider habe ich damals nicht dabei sein können, ich war erst 155 Tage alt, als das Raumschiff abhob. Trotzdem fasziniert mich das Geschehen von damals. Nachdem die Großtaten vollbracht waren, wollte die Mannschaft nach Hause, und mit einem mal fiel die Spannung ab.

22.07.1969, 8 Uhr in Houston, 14 Uhr in Deutschland. Im Mission operation and control room ist die Stimmung erstmals seit Tagen völlig entspannt. Die Crew von Apollo 11 schläft, und sie dürfen schlafen, so lang sie wollen. Es stehen keine zeitkritischen Manöver an. Die Großtat ist vollbracht, und das letzte Ziel der Mission, die Crew heil nach Hause zurückzubringen, verhältnismäßig einfach zu erreichen. Die drei Männer sollen sich von den Strapazen der Reise erholen, ihre Routineaufgaben erfüllen und den Zuschauerinnen und Zuschauern bei zwei Fernsehauftritten ein wenig Humor und Fröhlichkeit ins Haus bringen. Mit kleinen Späßen und Smalltalk werden sie bei Laune gehalten werden in den kommenden zwei Tagen.

Am M. I. T., dem Massachusetts Institute of Technology, entspannt sich auch Margaret Hamilton. Die leitende Programmiererin hat die Software entworfen, die bei der Mondlandung zwar die Programmalarme ausgegeben hat, aber dabei selbstständig alle nicht benötigten Funktionen des computers abschaltete, um seine primäre Aufgabe der Flugsteuerung beibehalten zu können. Diese für die sechziger Jahre erstaunliche Software war von Hamiltons Team ausgearbeitet und codiert worden. Zu diesem Team gehören viele Frauen, Mathematikerinnen und
Programmiererinnen, die diesen Erfolg möglich machen. Man sieht Hamilton nie auf den Bildern im Kontrollzentrum, aber sie ist immer da, wenn es um das Programm geht, und steht den ingenieuren und flugkontrolleuren im MOCR zur Seite. Sie gehört zu den Heldinnen im Hintergrund.

Eine Winzig kleine Kurskorrektur und ein TV-Auftritt war alles, was an diesem 22. Juli auf dem Programm der Crew stand. Bei der
Fernsehübertragung zeigte ein gut gelaunter Mike Collins, wie er einen Löffel mit Wasser füllte, dann den Löffel umdrehte, und wie das Wasser an Ort und Stelle blieb, ob mit oder ohne Löffel. Armstrong und Aldrin zeigten die Container mit den Mondsteinen, aber niemand durfte hinein sehen. Ansonsten scherzten sie mit den CapComs. Zu Beginn der Fernsehübertragung zeigten sie aus dem Fenster einen Planeten, und Charlie Duke sagte, das müsse die Erde sein, doch es war der Mond. Damit zogen sie ihn eine ganze Weile auf, was ihm sichtlich und hörbar peinlich war. Buzz aldrin hatte Zeit, sich danach zu erkundigen, wann sein Rasen zuletzt gemäht worden sei, und Charlie Duke rief bei Aldrins Frau an, um es in Erfahrung zu bringen.

Übrigens war der 23. Juli, der vorletzte Tag ihrer Reise, nicht anders. – Es gab einfach kaum noch etwas zu berichten außer Kunststückchen in der Schwerelosigkeit und launigen Scherzen. Mike behauptete, im Kontrollzentrum säßen sie nur herum und tränken Kaffee, und die verschiedenen CapComs lobten ihn für seine Röntgenaugen und seinen Scharfsinn. Zwischendrin hörten sie sich den Wetterbericht für ihre Landezone an und erfuhren, dass der Sturm im Osten sich aufgelöst habe, nun aber ein Sturm von Westen aufziehe, dass aber für die Landung keine Gefahr bestehe. Neil Armstrong hörte auf dem Kassettenrekorder Ausschnitte aus der Jazz-Platte “Music out of the moon” aus dem Jahre 1947, auf der Dr. Samuel Hoffman das Theremin spielte. Als er die Aufnahme nach einer Weile abschaltete, hieß es vom Kontrollzentrum: “Dasind wir aber froh, dass du das abgeschaltet hast.” Aldrin und collins stimmten zu, meinten aber, Neil sei schließlich der Zar des Schiffes.

Plötzlich war aus dem ganzen Unternehmen die Luft raus. Entspannung machte sich breit, das Interesse der Öffentlichkeit ließ nach, obwohl die Faszination Mond noch eine ganze Weile erhalten blieb. Aber die Medien verfolgten nicht mehr jeden Schritt an diesen zwei Tagen. Und so mancher und so manche wird sich die Frage gestellt haben: Was hat der Mondflug nun gebracht, mit Ausnahme der Tatsache, dass man die Sowjets im Rennen zum Mond geschlagen hatte? Die unbemannte Sowjetische Raumsonde Luna XV stürzte in diesen Tagen auf den Mond. Die Sowjets hatten gehofft, mit diesem Gerät schneller als die Amerikaner Mondgestein zur erde bringen zu können. Es war ihnen nicht geglückt. Was also hatte diese Mission gebracht außer einem Prestigegewinn und 22 Kilo Mondgestein?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Die Weltraumfahrt bringt uns gerade heute wissenschaftliche Hilfmittel, z. B.
Erdbeobachtungssatelliten, Fernseh- und Kommunikationstechnik und ähnliche Dinge. Die Mondmission hat 200 Milliarden Dollar gekostet, auf unsere heutige Zeit umgerechnet, ungefähr ein drittel dessen, was der US-Haushalt im letzten Jahr an Schulden gemacht hat. Auf die Frage, warum sie in den Weltraum fliegen, haben manche Politiker in den USA schon mit dem Satz geantwortet: “Weil er da ist.” Das allein ist allerdings kein guter Grund, solange wir unsere Probleme auf der Erde nicht lösen können, zumindest die dringendsten wie Klimakatastrophe, Armut und Hunger.

Und doch kann zumindest die zivile Erforschung des Weltraums für uns langfristige Vorteile bringen: Neben der Beobachtung unserer Welt ist die Erforschung anderer Planeten, die Entwicklung von Verfahren in der Schwerelosigkeit zum Beispiel für chemische Verbindungen zur Herstellung von Medikamenten und ähnliches sicher nicht zu verachten. Ich glaube daran, dass Weltraumforschung und Weltraumfahrt richtig gefördert und eingesetzt auf die Dauer mehr Vorteile als Kosten mit sich bringen können.

Und ganz davon abgesehen: Wir wissen jetzt, wie es funktionieren kann, einen anderen, nicht zu weit entfernten Himmelskörper zu besuchen. Es ist auch an sich bereits eine wichtige Entwicklung. Jedes erste Mal, dass man etwas neues ausprobiert, ist es teuer und neu. Manchmal findet man erst dann, wenn man die Pioniertat begangen hat, heraus, welche Möglichkeiten uns nun eröffnet sind.

Und schließlich und endlich dienen solche Pionieraufgaben offensichtlich als Gradmesser für die Zukunftsgewandheit einer Gesellschaft. Heute würde kein demokratisches Land mehr eine solche Mondreise finanzieren, aus Angst vor einer öffentlichen Meinung, die das Geld lieber sparen möchte, als es einem sinnvollen Ziel zu widmen, zum Beispiel der Rettung schiffbrüchiger flüchtlinge oder wissenschaftlichen Großprojekten. Diese öffentliche Meinung möchte das Geld nicht verschwenden, hat aber kein Problem damit, wenn es für militärische Zwecke oder zum ausbau der Überwachungstechnik ausgegeben wird, oder wenn man es raffgierigen Konzernen in den Rachen schiebt. Wäre das Geld gerechter verteilt, wäre genug da, sowohl zur Versorgung der Menschen, als auch zur Finanzierung umfangreicher Forschungsprojekte. – Rechnen Sie es mal selbst aus.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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