Der große Sprung 9: Die Landung

Vor 50 Jahren startete die erste Mondlandung. Leider habe ich damals nicht dabei sein können, ich war erst 155 Tage alt, als das Raumschiff abhob. Trotzdem fasziniert mich das Geschehen von damals. Die Wasserung im Pazifik beendete das großartige Unternehmen.

24. Juli 1969, 05:30 Uhr in Houston, 11:30 Uhr in Deutschland. Das maroonfarbene Team übernimmt die Schicht, Ron Evans fungiert als CapCom. Es ist die letzte Schicht des Unternehmens, und große Aufregung ist nicht mehr zu erwarten. Im Westpazifik, ein paar Meilen südlich des Johnston-Atolls, wartet die USS Hornet darauf, das Raumfahrzeug zu bergen und die drei Astronauten sicher an Land zu bringen. US-Präsident Nixon ist an Bord des Schiffes, um sofort nach der ankunft einen öffentlichen Plausch mit den drei Männern zu halten. Probleme werden nicht erwartet, der Flug verläuft ruhig und friedlich.

Um 7 Uhr Houstoner Zeit (13 Uhr deutscher Zeit) wurde die crew geweckt. Es wurde Zeit, sich auf die Landung vorzubereiten. Das Raumschiff wurde immer schneller und wurde von der Erde angezogen. Kurz vor der Landung würde es eine Geschwindigkeit von rund 11 Kilometern pro Sekunde haben. Beim Wiedereintritt würden die astronauten das 6fache ihres
Körpergewichts zu tragen haben, wenn auch nur für kurze Zeit.

Frühstück, Aufräumen, noch ein paar Scherze machen. Die neuesten Nachrichten besagten, dass Air Canada Reservierungen für Mondflüge annahm, und das der Präsident vor seinem Abflug mit den Ehefrauen der astronauten telefoniert hatte. Ansonsten gab es nicht mehr viel zu tun. Die drei Männer an Bord des Raumschiffes schlüpften in ihre Raumanzüge und Helme, allerdings ohne Lebenserhaltungssysteme, die waren ja auf dem Mond zurückgeblieben.

Ich habe bislang immer vom Kommandomodul oder der Kommandokapsel “Columbia” gesprochen, aber in Wahrheit bestand auch diese Kapsel aus zwei Teilen. Der eigentlichen Wohnkapsel und dem sogenannten Servicemodul. Es enthielt die größeren Treibstofftanks für die Manövrierdüsen und auch die größeren Batterien zur Stromerzeugung und Versorgung. Nur die echte, kleine Kommandokapsel war mit einem Hitzeschild ausgestattet, und so wurde kurz vor der Landung das Servicemodul abgetrennt, um in der Atmosphäre zu verglühen. Die Kommandokapsel hatte eigentlich keine Triebwerke mehr, wenn der Eintrittswinkel oder die Geschwindigkeit des Raumfahrzeugs nicht gestimmt hätten, hätte es beim Wiedereintritt zu einer Katastrophe kommen können. Der winkel war vor allem entscheidend. Flog das Schiff mit einem zu flachen Winkel, prallte es von der Erdatmosphäre ab und hatte dann keine Chance mehr, die erde zu erreichen, weil es keinen Treibstoff mehr zum Manövrieren hatte. War der Winkel zu steil, so würde auch die Kommandokapsel in der Atmosphäre verglühen.

Doch Houston hatte die Daten genau berechnet und in den Computer des Raumschiffes übertragen. Und während wir auf die Landung warten, möchte ich noch einmal etwas über diesen Computer sagen. Das eigentliche Gehäuse des Rechners war klein, viel kleiner als üblich für die damalige Zeit. Allerdings war das ganze Raumschiff die Festplatte. Überall in der Schiffshülle waren Computerteile eingewoben und fest mit der Anlage verdrahtet. Viele Daten, die für die Mission wichtig waren, sich aber nicht änderten, waren fest in die Struktur eingebrannt worden und konnten abgerufen werden. Das Bedienungsfeld der Astronauten bestand aus 19 Tasten. Den Zahlen 1 bis 0, dem Plus, dem Minus, dem Punkt oder Komma, der Taste “Verb”, der Taste “Noun”, der Taste Enter und der Taste Accept, und vermutlich gab es eine Reset-Taste. Jeder Befehl, jedes “Verb”, das der Computer ausführen konnte, hatte eine Nummer, genau wie jedes “Noun”, also jedes Programm, das fest im Rechner installiert war. Bei der Mondlandung hatten wir ein solches Beispiel. Das Verb 16 bedeutete offenbar, eine Anzeige auf dem kleinen Display zu zeigen, das Noun 68 bezeichnete den Unterschied zwischen der vom Radar gesehenen und vom Steuersystem errechneten Höhe des Raumschiffes. Um sich das anzeigen zu lassen musste der Astronaut die Verb-Taste drücken, dann 16 eingeben, die Noun-Taste betätigen, 68 eingeben und mit Enter bestätigen. Man konnte auch eine bestimmte Zeit einstellen, wann ein Noun gestartet werden sollte.

Wie schon einmal gesagt betrug der nur lesbare Speicher des Rechners 72 Kilobytes, aber es gab einen 4 KB großen beschreibbaren Speicher. Die Bodenstation in Houston konnte in diesen Speicher aktuelle Daten laden, die von Verbs und Nouns verarbeitet werden konnten. Dazu musste die Crew das Programm 00 aufrufen und auf Accept gehen. So wurden den Astronauten nun die letzten Berechnungen über den Wiedereintritt hochgeladen. Dieser Rechner war ein erstaunliches Gerät, und die Software war absolut fantastisch.

Um 12:35 Uhr (18:35 Uhr deutscher Zeit) flog Apollo 11 in die Atmosphäre ein. Der Funkkontakt ging plangemäß für einige Minuten verloren, war aber auch danach schlecht. Trotzdem funktionierte alles nach Plan. Drei Minuten vor der Landung wurden die Fallschirme ausgefahren, die die Geschwindigkeit des Raumfahrzeugs verlangsamten. Um 12:53 Uhr (18:53 Uhr deutscher Zeit) wasserte Apollo 11 wohlbehalten wenige Meilen südlich des Johnston-Atolls, nur rund 20 Kilometer von der USS Hornet entfernt. Durch die Fallschirme und aufblasbare Reifen wurde die Kapsel in eine aufrechte Position gebracht. Dann näherten sich kleine Boote dem Raumfahrzeug. In einem Boot saß ein Mann in einem vollisolierten anzug, der die Luke des Raumschifes öffnete und drei gleichartige Anzüge hinein warf. Die Crew zog diese Isolationsanzüge über ihre eigentlichen Raumanzüge, dann wurden sie an Bord eines Hubschraubers gehoben, nachdem die Außenhülle der Anzüge dekontaminiert war. NASA hatte Angst, die Astronauten könnten sich auf dem Mond eine für Menschen tödliche Krankheit zugezogen haben, oder der Mondstaub enthalte giftige Anteile. Man glaubte es nicht wirklich, wollte aber auf Nummer sicher gehen. Der Helikopter brachte die Astronauten zur Hornet, wo sie in einen Kontainer gesperrt wurden, eine mobile Quarantäneeinheit. Der Jubel auf dem Schif, die Militärkapelle und der Präsident konnten nicht darüber
hinwegtäuschen, dass sie noch drei wochen isoliert würden bleiben müssen. So lange wollten die Ärzte Tests durchführen, auch an mit in der Wohneinheit eingesperrten Mäusen. Diese Wohneinheit in Houston, in die die Astronauten nach dem Empfang gebracht wurden, war luxuriös, über 900 Quadratmeter groß. Außerdem hatten sie einen Koch, einen Arzt und einen – sagen wir – Diener für diese Zeit.

Am 10. August 1969 wurde die Quarantäne aufgehoben, weil sich Mäuse und Menschen bester Gesundheit erfreuten.

Und das ist es eigentlich.

Ja, ich hätte das alles gern damals am Radio oder Fernsehschirm verfolgt. Es war und ist für mich eines der größten Unternehmungen, die je von Menschenhand geplant und durchgeführt wurden. Dabei geht es mir nicht um den heroischen Aspekt, sondern um die Entwicklung hin zu einer Spezies, die auch den Raum nutzt, wie sie auch das Wasser vor tausenden von Jahren für sich entdeckt hat. Auch das Fliegen in der irdischen Lufthülle ist faszinierend, und manche der Flugpioniere verbanden damit den Traum von einer humanen und geeinten Menschheit. Dazu sind wir aber wohl noch nicht reif. Die sogenannte Evolutionsethik besagt, dass wir mit unserem ethischen Bewusstsein unserem technischen Können rund 60.000 Jahre hinterher hinken. Ich kann solche Gedanken nachvollziehen, aber ich möchte nicht wieder so leben wie vor 60.000 Jahren. Wir müssen mit unseren Möglichkeiten umzugehen lernen, wenn wir nach dem Raubbau, den wir auf der Erde betreiben, noch die Chance haben.

Ja, ich würde mich jederzeit für die Mondlandung begeistern. Das bedeutet für mich eben nicht, dass ich die Probleme aus den Augen verliere, und auch nicht die Nachteile einer solchen Unternehmung. Sie wurde aus Konkurrenzdenken geboren, aber wirklich niemand unterstellte den Astronauten, dass sie selbst auch so dachten. Zwischen ihnen und den sowjetischen Kosmonauten und Wissenschaftlern gab es spärliche, aber freundliche Kontakte. Es waren die Politiker und Militärs, die mehr daraus machten als eine wissenschaftliche Pioniertat.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
Dieser Beitrag wurde unter erlebte Geschichte, Weltraumfahrt abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.
Nach oben

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.