Nach jedem Mord

Nach jedem Mord sagen sie:

“So kann es nicht weiter gehen!”

Doch es dauert nicht lange, da geschieht der nächste Mord.

Nach jedem Mord sagen sie:

“Dieser Mord ist ein Weckruf!”

Doch sie schlafen alle gern und absichtlich weiter.

Nach jedem Mord sagen sie:

“Es war ein Einzeltäter, oder zwei, oder drei! Jedenfalls Verwirrte!”

Doch nie lichtet sich rechts der Mitte die Verwirrung, niemand ist geistesklar, ehrlich und mutig.

Nach jedem Mord sagen sie:

“Es *könnte* ein fremdenfeindlicher Anschlag sein.”

Wie fremd ist jemand, der hier geboren wurde? Wie fremd der, der hier Steuern zahlt? Wie fremd die Schwester, der Bruder? Es ist Rassismus!

Nach jedem Mord sagen sie:

“Wir müssen gegen die Systemfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft der Ränder vorgehen.”

Doch links ist nur bedeutungsloses nichts, der Krebs rechts wächst weit in die Mitte hinein.

Nach jedem Mord sagen sie:

“Wir müssen die Opfer schützen und brauchen mehr Sicherheitsgesetze!”

Doch sie geben den Überwachungsstaat nur schlüssel- und eilfertig in die Hände der Nazis.

Nach jedem Mord sagen sie:

“Spätestens jetzt muss…”

Doch sie verschlucken sich.

Nach jedem Mord sagen sie:

“Es gibt keinen organisierten Rechtsterrorismus, nur einzelne, durchgeknallte Irre.”

Doch jeder Einzelne von ihnen ist längst ein durchgeknallter Irrer.

Nach jedem Mord sage ich:

“Jetzt ist eine Grenze überschritten, von der ich dachte, sie sei unverrückbar.”

Doch ich sage es nicht mehr, es stimt nicht, es gibt keine
unverrückbaren Grenzen mehr.

Nach jedem Mord:

Trauer und Wut, Wut und Trauer!

Und Hilflosigkeit!

Vor 38 Jahren spielte ich mal öffentlich die deutsche Nationalhymne aus Respekt vor der Demokratie und der Menschlichkeit hier.

Nach jedem Mord vergesse ich ein weiteres Wort, einen weiteren Ton.

Ich bin und bleibe Weltbürger, nach jedem Mord mehr!

Nach jedem Mord sagen sie:

“Wir müssen die Ordnung des Grundgesetzes wahren und verteidigen.”

Doch meine Hoffnung auf das Grundgesetz schwindet, mit jedem Mord mehr!

Kälte und Leere kriechen durch mich.

Ich bewundere die Kämpfer*innen, die Aufrechten, die Mutigen, die Starken.

Nach jedem Mord sagen sie: “Jetzt erst recht” und “nie wieder!”

Nach jedem Mord rufen sie zu Demonstrationen auf:

“Kommt alle und setzt ein Zeichen!”

Doch es kommen immer weniger, und es reicht nicht einmal mehr für eine Lichterkette.

“Lasst preisen uns, eh noch die Nacht auf uns fällt,

was uns noch verblieb auf der rollenden Welt.

bevor wir verstummen und gehn.

Den Hass, dass das Haus uns zu säubern gelinge,

um noch zu genießen ein wenig die Dinge,

bevor wir verstummen und gehn.”

(aus einem Gedicht des österreichisch-jüdischen dichters Theodor Kramer, der vor den Nazis fliehen musste.)

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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