Was geschah im Herzen? – oder: Ach nee, ich bin ja gar kein Pavian

Am letzten Donnerstag Vormittag, als ich von den Ermordungen in Hanau hörte, war ich … – Was sagt man da eigentlich immer? Man spricht von Entsetzen, von Wut, Trauer und Angst. Aber was fühlt man wirklich? Diese eindringliche Frage hat Deniz Utlu in einem herzzerreißenden, erschreckenden und berührenden Beitrag im Spiegel gestellt, und deshalb mache ich mich auf eine Reise in meinen eigenen Alltagsrassismus.

Gerade habe ich den Beitrag von Deniz Utlu im Spiegel noch einmal gelesen, der mich so aufgewühlt hat. Er schrieb: „Jeder und jede Einzelne kann sich fragen: Was geschah im Herzen, als die Nachricht aus Hanau kam? Gar nichts? Etwas? Was genau? Gleichgültigkeit? Angst? Angst wovor? Wut? Wut worauf? Wer hat Empathie gespürt für die Getöteten und ihre Hinterbliebenen? Wer war schaulustig? Wer ungeduldig? Wer hat einfach nichts mitbekommen? Hat man im Büro darüber gesprochen, oder war es ein Arbeitstag wie jeder andere auch?“

Natürlich war es das nicht, dachte ich zuerst, dann las ich: „In der Bahn, in der ich gefahren bin, habe ich keinen Unterschied zu anderen Tagen gemerkt. Jeder kann sich befragen, was die Ermordung dieser Menschen mit ihm oder ihr gemacht hat. Und wenn es nichts macht, wenn diese Gesellschaft zu keiner ehrlichen Trauer fähig ist, dann können wir fragen, weshalb das so ist und nach unserer Menschlichkeit suchen.“

Muss ich das denn? Nach meiner Menschlichkeit suchen? Ist es nicht klar, auf welcher Seite ich stehe? Rassismus? Ich? Nicht die Spur! Auf keinen Fall!

Schön: Machen wir die Probe aufs Exempel. Ich beantworte diese Fragen, so ehrlich ich kann.

Was geschah im Herzen, als die Nachricht aus Hanau kam? Gar nichts? Etwas?

Ich machte auf Twitter meine Morgenrunde, las die neuesten Tweets, bevor ich mich an Routineaufgaben für den Ohrfunk setzte. Und da war es: „Politiker reagieren entsetzt auf die Bluttat von Hanau“, lautete glaube ich der erste Tweet, den ich las.
Was dachte ich?
„Hanau? Hier in Hessen?“
Das war der erste Gedanke, glaube ich. Sie kamen schnell, fast gleichzeitig. „Bestimmt ein durchgeknallter Nazi“, dachte ich.
„Bluttat? Hat es Tote gegeben?“ fragte ich mich.
Aber das war nicht die Frage! Die Frage lautete nicht: Was dachte ich, sondern: „Was geschah im Herzen?“
Bis zu diesem Augenblick hatte mein Herz noch gar nicht reagiert. Erst jetzt spürte ich den Stich: „Es hat bestimmt wieder Muslime erwischt.“ Ja, es war ein Stich, aber was bedeutete er wirklich?

Was genau? Gleichgültigkeit? Angst? Angst wovor? Wut? Wut worauf?

Was genau?

Es war keine Gleichgültigkeit, im Gegenteil. Nichts hätte mir weniger gleichgültig sein können. Es war ein heftiger Gefühlsausbruch. Aber was genau?

Angst? Angst wovor?

Da ist die Frage. Hatte ich Angst? – Ja! Doch wovor genau?

Ich hatte Angst davor, dass die Rechten, die Nazis, nicht mehr zu stoppen sind, dass sie dieses Land übernehmen, dass sie mit ihren Verbündeten in Polizei und Sicherheitsorganen, Bundeswehr,
Verfassungsschutz, Justiz und Politik schleichend und von Terror flankiert diesen Staat zerstören und in ihre Gewalt bringen. Konkret hatte ich Angst vor Willkür und Gewalt, die sich gegen jeden von uns richten kann, die wir nicht kontrollieren, nicht berechnen, nicht vorhersehen können. Ich hatte angst, als Mensch mit Behinderung und linker Einstellung unter die Räder zu geraten, mein im großen und ganzen beschauliches, einfaches und glückliches Leben zu verlieren. Es war eine diffuse Angst um die eigene Zukunft.

Das erste Gefühl also war persönlicher, egoistischer und halb abstrakt politischer natur.

Wut? Ja! Wut worauf?

Wut auf die Politiker, die den Nazis nicht energisch entgegengetreten sind, Wut auf die Medien, die ihnen immer wieder eine Bühne geboten haben. Wut auf so viele Leute, die nicht nachdenken und in Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe, mit anderer Sprache und Religion immer ihren Sündenbock suchen.

Wer hat Empathie gespürt für die Getöteten und ihre Hinterbliebenen?

Nein, nicht sofort. Ich schäme mich dafür, es zuzugeben, aber nein, es war nicht mein erstes Gefühl. Es war nicht, was als erstes im Herzen geschah.

Vielleicht ist es normal, dass die Trauer, der Schock, die
Fassungslosigkeit länger brauchen, bis sie sich festsetzen, bis sie ausgedrückt werden können. Doch die anderen Gefühle waren sofort zur Stelle gewesen. Ist das schon Rassismus? Warum habe ich nicht im ersten Moment an die Opfer und ihre Familien gedacht? Und wenn, warum dann nur in ihrer Eigenschaft als Muslime, als Mitglieder einer Gruppe, die es zu schützen gilt?

Ich will mir keine Absolution erteilen, denn der Gedanke, eine Gruppe pauschal als Schützenswert zu betrachten, verhindert hin und wieder, dass wir die einzelnen Menschen sehen, sie als Individuen wahrnehmen. Ich mache es mir in solchen Augenblicken einfach, denke über Gruppen nach, erst dann über Menschen. Natürlich stand ich auf der *richtigen* Seite, aber das war es offenbar auch, was mich als erstes beschäftigte. Und es geschah unbewusst und ganz unwillkürlich.

Die Erschütterung kam erst, als ich las, dass Tobias R. einfach auf Menschen in einer Bar geschossen hatte. Einfach so, auf nichtsahnende, fröhliche, gesellige Menschen. Die Trauer, die spürbare, schmerzhafte Trauer kam erst, als ich mir einen Ort, Geräusche, Gespräche, Lachen vorstellen konnte. Als ich mir vorstellte, ich selbst könnte in einer Bar sitzen, etwas trinken, mich mit Freunden unterhalten, das beruhigende Gefühl des Alltags im Hinterkopf, über den man nicht nachdenkt. Gleich würde ich wieder nach Hause gehen, meine Frau küssen, einen Witz erzählen, über meine morgigen Aktivitäten nachdenken. Der Schmerz und die Trauer kamen, als die Menschen, die in Hanau ermordet wurden, für mich aufhörten, Angehörige einer bestimmten Gruppe zu sein, sondern einfach nur Menschen wurden. Je mehr ich las und hörte, desto leichter fiel es mir, desto mehr fühlte ich, desto mehr wünschte ich, die Angehörigen müssten diese schreckliche Nachricht nie erhalten.

In dem Beitrag von Deniz Utlu wird über ein Interview berichtet, das eine türkische Zeitung mit einem Überlebenden führte:

„Er erzählt, wie er an der Schulter getroffen wurde und auf einen anderen Verletzten gefallen ist, der aus dem Hals blutete. Er erzählt, wie sie ineinander verwoben lagen. Unter ihm einer. Auf ihm andere. Der mit der Schusswunde am Hals habe ihm gesagt: „Mein Bruder, ich spüre meine Zunge nicht mehr, ich kann nicht atmen, sprich das Gebet für mich.“ Ich kannte das türkische Wort für Gebet nicht, das der junge Verwundete verwendet hat: Kelime-i ÅŸehadet. Ich habe mir das Video fünf Mal angeschaut, türkischsprachige Freunde angerufen, weil ich verstehen wollte, was er sagt. Er erzählt in dem Video, wie er und der Verletzte, auf dem er lag, gemeinsam aufriefen, das Gebet Kelime-i ÅŸehadet zu sprechen. Aber es kam keine Antwort. Sie riefen in die Leere. Alle anderen waren tot.
Wer als eine Möglichkeit zu trauern für diese Menschen jenes Gebet sprechen möchte, das sie sich in dieser Situation gewünscht haben: Die türkische Transkription des arabischen Verses, wie sie im Internet zu finden ist, lautet: „EÅŸhedü en la ilahe illallah ve eÅŸhedü enne Muhammeden abdühü ve resulühü“.“

Sie riefen in die Leere, alle Anderen waren tot.

Ich bin nicht religiös, ich habe große Probleme mit Religionen, aber seit ich den Text gelesen habe, habe ich es mir immer wieder vorlesen lassen von meiner Sprachausgabe und habe mir gewünscht, mit ihnen dieses Gebet zu sprechen. Sie sollen nicht allein sein, nicht in die Leere rufen müssen. Alle Menschen sollten Brüder und Schwestern sein.

Doch bin ich deshalb frei von Alltagsrassismus? Was kann, was muss ich tun, um meinen eigenen Beitrag zu leisten?

Ja und nix

Ich bin in einer ausländerfeindlichen Umgebung aufgewachsen. Damals habe ich sie nicht sonderlich bemerkt, aber sie hat mich auch nicht sonderlich beeinflusst. In dem Blindeninternat in Düren, in dem ich war, hat man ausländische Mitschüler teilweise mit Schmutz, Faulheit und Gewalt in Verbindung gebracht. 1976, ich war sieben Jahre alt, kamen zwei Türken an die Schule, es waren die ersten Türken, die ich kennenlernte. Im ersten Moment war das ganz normal: Sie kamen halt woanders her und sprachen kein deutsch. Das taten die Engländer, die man im Radio hören konnte, auch nicht. Alles klar. In meine Wohngruppe kam ein kleiner Junge, mein späterer Freund Mustafa. Er verstand uns, sprach aber nur zwei Worte: Ja und nix. Ich hatte glück: In meiner Wohngruppe gab es keinen offenen Rassismus. Musti war bei allen beliebt, er lernte mit uns deutsch, war ein lustiger, pfiffiger und fröhlicher Junge. Wir haben alle mit ihm getrauert, als sein Vater wenige Jahre später bei einem Autounfall ums Leben kam. Ich erinnere mich an seinen Vater, ich habe ihn einmal oder zweimal gesehen, als er in Düren war.

Zusammen mit Musti, wie er bei uns hieß, kam ein anderer türkischer Junge. Er kam in eine andere Wohngruppe, aber wir hörten viel von ihm. Unsere Erzieher*innen meinten: „Der hat Läuse“, und mehrfach wurden wir schmerzhaft daraufhin untersucht, ob wir auch welche hatten. Immer nach den Ferien wurde der Kopf des Jungen kahl rasiert. Ich mochte ihn nicht, er griff andere Kinder an, war aggressiv und schrie. „Ist halt ein echter Türke“, sagten manche Erzieher*innen, „ein Muselmann“. Und wir sangen: „C A F F E E…“.

Irgendwann fragten wir Musti einmal, wie er betete, und er machte es uns vor. Es war interessant und spannend. Unser Beten war einfach, seines recht kompliziert und lang. Auch die Sache mit dem Fasten, dem Ramadan, fanden wir komisch, aber wir waren wenigstens neugierig. Unsere Erzieher*innen sagten: „Das kannst du zu Hause machen, hier nicht. Du gehst in die Schule und musst etwas essen.“

Musti gehörte für mich zu uns, aber der andere Junge nicht, weil er so gewalttätig war und Läuse hatte. Musti, so lernten wir, hatte sich gut integriert, der andere nicht, er war ein Türke geblieben.

Das Messer

Musti war übrigens gar nicht der erste Türke, den ich kennenlernte. Aber das ist verzeihlich, denn der andere Junge, der ein Jahr älter war als ich, sprach deutsch ohne Akzent. Auch er war gewalttätig und aggressiv, mit ein paar anderen, deutschen, Jungen verprügelte er mich immer mal wieder. Einmal bedrohte er mich mit dem Messer, aber das war vier Jahre später. Da wusste ich irgendwie schon, dass viele Türken ein Messer haben. Aber bis zu dem Tag mit dem Messer habe ich ihn nie als Türken gesehen, weil er perfekt deutsch sprach und so intelligent war. Das Lernen fiel ihm offenbar leicht. Ich mochte ihn zwar nicht so richtig, aber als wir im Religionsunterricht, an dem er unsinnigerweise teilnahm, im Jahre 1983 über die Lage in der Türkei nach dem Militärputsch sprachen, habe ich ihn bewundert wegen seines Wissens und seiner klaren haltung. Nur an dem Tag mit dem Messer war er ein archaischer Türke.

Unsere Türken

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich mit meiner Mutter in der Nähe unserer Siedlung durch die Felder ging. Wir begegneten einem Mann, der uns höflich ansprach. Er habe gehört, es sei eine Wohnung in den Häusern in der Siedlung zu vermieten, ob wir ihm wohl sagen könnten, wo das sei? Wir konnten, denn es war die Wohnung, aus der meine Oma kürzlich ausgezogen war, bei uns im Nebenhaus. „Das war ein Türke“, sagte meine Mutter später zu mir, aber auch er sprach fast ohne akzent, ich hätte es nicht gehört. Es war auch nicht wichtig, er war ein neuer Nachbar, wir grüßten ihn, sprachen manchmal auf der Straße ein paar Worte mit ihm, aber nicht so wie mit anderen Nachbarn, die wir schon seit 40 oder 50 jahren kannten. Er lebte mit seinem Sohn recht zurückgezogen in der wohnung. Erst später kam die Familie des Sohnes dazu. Es dauerte eine ganze Weile, bis meine Mutter einmal sagte: „Man hört ja hin und wieder von Messerstechereien unter Türken, aber nicht bei unseren Türken. Auf die lasse ich nichts kommen! Ich kenne kaum höflichere Menschen!“

Dabei blieb es. Und als später unsere türkische Nachbarin für einen großen Kosmetikversand Sammelbestellungen aufnahm, kam sie öfter zu uns und saß mit meiner Mutter manchmal zwei Stunden in der Küche und unterhielt sich mit ihr. Sie schauten durch Kataloge, erzählten sich von ihrer Jugend, von der Arbeit im Garten. Alles ganz normal halt. Auch mit einer weiteren türkischen Familie freundete sich meine Mutter später an, der kleine Sohn nannte sie „Oma“.

Also: Kein Alltagsrassismus?

Doch, natürlich.

Als die Tochter der türkischen Familie im Nachbarhaus meine Mutter bat, bei ihr mit ihrem Freund telefonieren zu dürfen, weil ihre Eltern die Verbindung nicht tolerierten, willigte meine Mutter sofort ein. „Die Mädchen werden bei den Türken ja extrem kurz gehalten“, sagte sie, und ich stimmte ihr zu, das hatte ich in der Schule auch so erfahren. – Oder? Einmal hatte ich für ein Jahr eine türkische Klassenkameradin. Ihr Bruder war neu zu uns in die Wohngruppe gekommen. Er lernte langsam und schwerfällig deutsch, sie schnell und eifrig. Er war ein gemütlicher, freundlicher Typ, sie war elegant, intelligent, manchmal etwas hochnäsig. Ich mochte beide, aber sie war mit Sicherheit diejenige, die die Hosen an hatte. Woher kam also das scheinbare Wissen, dass Mädchen bei „den Türken“ kurz gehalten werden?

Es kam von erzählungen und Gerüchten. Natürlich hatte ich schüchterne türkische Mädchen gesehen, aber ich hatte auch schüchterne deutsche Mädchen erlebt. Bei den Türken war es aber eine Sache der Religion und der Kultur, war doch klar.

Schande von Solingen

Nach dem sogenannten solinger Brandanschlag fuhr ich hin und nahm an einer Demonstration teil, ich habe darüber geschrieben. Was ich aber als „Schande von Solingen“ im Nachhinein empfand, war die Art, wie später über die Familie Genc geredet wurde, auch von meiner Mutter. „Die Frau Genc“, erzählte sie, „drängt sich beim Einkaufen immer vor.“ Ich dachte, sie habe das selbst erlebt, aber ich glaube, sie sagte, sie habe es nur erzählen hören, denn sie selbst war danach nur noch selten allein in Geschäften unterwegs. Dass Mevlide Genc kaum je aus dem Haus ging, war eigentlich bekannt. Warum also diese Hetze? Ich habe mich geschämt für diese aussage, aber habe ich sie für möglich gehalten? Ja. Warum? Weil, so sagte ich mir, jemand nicht allein deshalb über jeden Zweifel erhaben ist, weil er oder sie nicht deutsch ist. Wie kompliziert kann man sich das Leben machen?

Ein letztes Mal Ayaan

War ich nie Rassist? Ich kann sagen, dass ich mich immer bemüht habe, kein Rassist zu sein, und dass ich den Rassismus verabscheut habe. Ich kann aber nicht behaupten, selbst nie rassistische Gedanken gehabt zu haben. 2002/2003 fiel mir erstmals in den Niederlanden eine Frau auf, die gegen die Praxis der Beschneidung von Mädchen im Islam wetterte, die die Frauenunterdrückung anprangerte, die für den Islam einen Voltaire verlangte. Die Frau hieß Ayaan Hirsi Ali, stammte aus somalia und kämpfte unerschrocken gegen die Missstände in der muslimischen Religion und Kultur. Ich habe die Hetzjagd auf Muslime nach dem 11. September 2001 verabscheut, weil ich – schon aus eigenen Erfahrungen – keine Homogenität finden konnte unter den Muslimen. Es kam immer auf die einzelnen Menschen an. Etwas Anderes war die Politik, war die Unterdrückung durch Regime, die die Religion für ihre Zwecke ausnutzten. Weil sich Ayaan Hirsi Ali dagegen stellte, habe ich sie bewundert. Dann wurde Theo van Gogh, der mit ihr einen Film gegen die Unterdrückung der Frau im Islam gemacht hatte, von einem Islamisten grausam ermordet. Der Anschlag hätte eigentlich ihr gegolten, doch weil sie
Parlamentsabgeordnete war, kam der Täter nicht an sie heran. Weil ayaan Hirsi Ali und hier in Deutschland Frauen wie Necla Kelek mit drastischen Worten von der Unterdrückung der Frauen sprachen und dann erklärten, der Islam wolle in Europa die Macht übernehmen, hielt ich dies eine Zeit lang für eine große Gefahr. Ich kann mich erinnern, dass ich in der berühmten Kopftuchdebatte eine Weile lang der Meinung zuneigte, das Kopftuch sei ein Symbol der Unterdrückung, und man solle über ein Verbot nachdenken. Natürlich war das vollkommen widersinnig: Erstens würde es selbst dann keine Probleme lösen, wenn das stimmen würde, und zweitens schränkt es die Freiheit ein und tut so, als wären wir diejenigen, die bestimmen könnten, was andere Menschen tragen dürfen und was nicht. Als sich Ayaan Hirsi Ali 2006 einem rechten amerikanischen Thinktank zuwandte, wurde ich sehr nachdenklich.

Ach nee, ich bin ja gar kein Pavian

In seinem Programm „Liebe 7“ hat der wunderbare Kabarettist Hagen Rether ein paar wichtige Sätze gesagt.

„Rassistisch ist jeder“, behauptete er und schockte mich damit. Doch er erklärte das. „Das ist Natur, das ist nicht unser Problem: Die Kultur ist das Problem. Rassismus kommt von innen, das ist Rückenmark. Die Kultur muss sich dann aber bei Zeiten drüber schieben, … Rassistische Impulse hat doch jeder, das war wahrscheinlich evolutionär sogar von Vorteil, dass man sich von anderen Gruppen abgrenzt, weil man den eigenen Genpool weitergeben will, … aber das kennt doch jeder, den Impuls. Du denkst: Oh, kommt einer auf der Straße dir entgegen, ganz andere Hautfarbe, ganz andere Sprache, andere Klamotten, der bewegt sich anders, der lacht über andere Sachen, du verstehst nix, du kannst die Bewegungscodes gar nicht dechifrieren, und du denkst: Oh, erst mal sehr fremd, erst mal die eigene Sippe, und dann gucken wir mal. – Aber dann musst du doch sofort denken: Ach nee, ich bin ja gar kein Pavian.“

Das hat mich überzeugt und mir ein Verständnis ermöglicht, das ich vorher nicht hatte. Vielleicht stimmt es ja, dass der allererste Impuls dem Fremden gegenüber die Vorsicht ist. Aber mit dem ersten Impuls meine ich Millisekunden. Wer dort in diesen Millisekunden stehen bleibt, der ist anfällig für Rassismus.

Hanau verändert nichts, wenn wir nicht vorher schon etwas verändert haben

Warum habe ich das alles geschrieben? Im Augenblick sagen wieder viele, Hanau sei ein Weckruf, doch das ist eine dreiste Lüge. Die Morde von Hanau können niemanden wecken, man hätte längst erwacht sein müssen: Nach dem anschlag auf die Synagoge in Halle, nach dem Mord an Walter Lübcke, nach den Anschlägen auf Asylbewerberheime in ganz Deutschland, nach den Morden des NSU und dem Vertuschen durch die Geheimdienste, nach den Anschlägen in den neunziger Jahren in Mölln, Solingen, Rostock und wo sonst noch. Solange wir überall in der Gesellschaft dulden, dass Menschen, nur weil sie einen ausländischen Namen führen, als nicht zu uns gehörig angesehen werden, irgendwie benachteiligt werden, solange kann sich nichts ändern, egal wie viele Tote es gibt. Warum hat man eigentlich Thielo Sarrazin, ausgerechnet einen Mann mit dem Nachnamen Sarrazin, nicht rassistisch behandelt? In 200 Jahren leben Menschen hier, die Utlu und Özdemir heißen, deren Urururgroßeltern schon hier geboren sind. Wie wollen wir sie dann behandeln? Ich habe das alles geschrieben, damit klar wird, dass Rassismus beim Alltagsrassismus anfängt, dass jeder und jede bei sich selbst anfangen kann und muss. Wir können alle ein Beispiel geben. Wir können Menschen als Menschen sehen, sie – um mal diesen Ausdruck zu benutzen – mit dem Herzen sehen. Alle können etwas gegen den Rassismus tun, wenn wir zuerst etwas gegen den Rassismus in uns selbst tun.

Lichterketten am Tag nach einem schrecklichen Blutbad sind wichtig und richtig, aber sie reichen nicht mehr aus. Wieviele Menschen erleben den Tag nach dem Mord, als sei nichts geschehen? Und wieviele machen spätestens nach drei Tagen so weiter, als wäre nichts passiert?

Hanau war kein Weckruf, niemandem konnte durch diese armen toten Mitmenschen, Freunde, Verwandten die augen geöffnet werden. Da gab es nichts, was wir nicht vorher schon gewusst hätten. Wer nicht längst wach ist, der hat die entscheidenden Jahre verschlafen.

„EÅŸhedü en la ilahe illallah ve eÅŸhedü enne Muhammeden abdühü ve resulühü.“

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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3 Antworten zu Was geschah im Herzen? – oder: Ach nee, ich bin ja gar kein Pavian

  1. Liebber Jens,
    ich danke Dir für Deinen Mut, Deine eigenen Empfindungen schonungslos offenzulegen. Das ist ein Ausdruck ehrlicher Anteilnahme am Schicksal der Ermordeten.
    Rassismus tötet nicht erst, wenn jemand eine Waffe gegen „Andere“ richtet, sondern schon vorher das Gefühl für „Andere“ im Herzen derjenigen, die das „wir“ dagegenstellen. Rassismus tötet zuerst die Rassisten, die das Lebendige in sich selbst zumauern und einbetonieren aus Angst.
    Mit verantwortlich für den Rassismus mache ich auch die Abwehr geflüchteter Menschen durch eine rigide Flüchtlingspolitik. Wer Seenotrettung kriminalisiert, begeht damit ein rassistisches Verbrechen.
    Als ich die Nachricht aus Hanau hörte, dachte ich sofort an einen rassistischen Terroranschlag. Ich dachte an meine Freunde aus Äthiopien, Eritrea, Kurdistan, Afghanistan, Russland, Vietnam und yrien, die sich danach bedroht fühlen mussten. Dadurch fühlte auch ich mich bedroht.
    Als ich klein war, sagten die meisten noch „Neger“. Viele meinten das überhaupt nicht diskriminierend, denn es heißt ja nichts Anderes als „schwarz“. Bekanntschaften oder gar Freundschaften mit „PoC“, wie man heute neudeutsch sagt, schloss ich erst vor wenigen Jahren. Mein Glück war dabei meine Blindheit, weil ich die Hautfarbe meiner ersten Bekannten mit dunkler Haut oder ihr asiatisches Aussehen erst mitbekam, als ich sie schon lange kannte.
    Vorurteile haben sehr viele Gesichter. Mitunter kommen sie auch in wohlwollender Verpackung daher: „Wenn ich blind wäre, würde ich mir die Kugel geben.“
    Menschenwürde ist unteilbar. Für die eigene Würde tritt man am besen ein, indem man die Würde anderer respektiert und schützt. Das hat mich Nelson Mandela gelehrt, der die Wärter im Gefängnis als Menschen respektierte und allmählich ihr Freund wurde.
    4.500 Menschen waren gestern in Marburg auf der Straße gegen Rassismus. In Hanau waren es sogar 6.000 Demonstrierende.
    Der „Rassewahn“ ist eine mörderische Ausgeburt kranker Phantasien. Mein Menschheitstraum ersehnt die Würde aller ohne Ansehen ihrer Herkunft oder Hautfarbe.
    fjh

  2. Pingback: Rassismus im Alltag: Ãœberlegungen über heimlichen Ãœberlegenheitswahn – marburg.news

  3. Bedia sagt:

    Lieber Jens,
    bei mir war das genau anders herum. Als ich hörte, „9 Menschen erschossen“, dachte ich „ach Gott, die armen Menschen und ihre Angehörigen. Vollkommen unschuldig, nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Erst danach mutmaßten mein Liebster und ich, was passiert sein könnte. Mein Nic hatte gleich die Idee, „Tat eines Rechten Arschlochs“. Mein Gedanke war, „lass es bitte keinen islamistischen Anschlag sein, der den Brand noch mehr beschleunigt“. Ja geht’s noch? Wie menschlich ist das denn? Ich schähme mich, so gedacht zu haben. Aber ja, da fängt der Egoismus an. Die Angst, um das eigene friedliche beschauliche Leben, wie Jens es ausgedrückt hat. Aber so weit hat mich der islamistische Terror gebracht, so weit die Menschen, die aus ihm die Nahrung für neue Islamfeindlichkeit bzw. Hass sähen. Und trotzdem schelte ich mich, dass das keine Rechtfertigung, höchstens nur eine fragwürdige Erklärung sein kann. Und wahrscheinlich nicht einmal das.

    Den ganzen Tag war ich verstört, verzweifelt und wütend. Verstört, weil schon wieder für eine Überzeugung 9 Menschen getötet wurden, um genau zu sein elf mit dem Täter und seiner Mutter. Verzweifelt, weil ich nicht sehe, dass entschieden gegen jeden Terror vorgegangen wird. Und wütend, weil die Gefahr sooooo lange heruntergespielt wurde. Wütend, dass Menschen die von „Antiabschiebeindustrie“ oder von „der Migration als Mutter aller Probleme“ sprechen, immer noch in Amt und würden sind und unsere Geschicke mitbestimmen.

    Und dann diese Trauer – Trauer gepaart mit Verzweiflung „Wo könnte ich denn hin, wenn ich hier nicht mehr sein dürfte“ Für mich bröckelt meine Lebensperspektive. Und mag es sich noch so polemisch anhören, ich meine und fühle es so. Ich habe mir bis vor einpaar Jahren nie die Frage gestellt, wo ich leben werde. Es war immer klar – in Deutschland, meinem Land. Meinem Land, das ich als ein humanistisches Land erlebt hab, und dem ich dankbar bin. Und wo sollte ich hin? Vielleicht in die Türkei, meinem Geburtsland dessen Sprache ich nicht gut beherrscher? In die Türkei, die meiner Meinung nach selbst vor einem Bürgerkrieg steht? In die Türkei, in der ich solche kritischen Texte wie diesen nicht schreiben dürfte? Ich will dort nicht hin!!!!!! Aber welcher Flüchtling kann es sich schon aussuchen, wenn es drauf ankommt? Aber so lange ich ohne Gefahr bleiben kann werde ich mich von diesen Faschos nicht vertreiben lassen. Ich werde in meinem geliebten Deutschland, und am liebsten in meiner Stadt Berlin bleiben. Wenn es irgend jemandem nicht passt, dass ich dieses Land als meines ansehe, und meint, ich gehöre nicht hierher, weil ich anderswo geboren wurde und anders aussehe und noch teilweise eine andere Sprache spreche, dann rufe ich ihm zu: „Verschwinde aus meinem Leben!!!!!!!“ Ich diskutiere nicht mehr, habe es zu oft erlebt, dass es nichts bringt, als Zeitverschwendung. Und diese Zeit nutze ich lieber für meine Freunde aus verschiedenen Nationen ein schönes Essen zu kochen, und und zu leben, wie Zusammenhalt funktioniert. Also trollt Euch, Ihr rassistisches Gesox!

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