Persönliche Impressionen aus dem Corona-Alltag

Gestern Nachmittag haben wir in der Sonne gesessen, dann in aller Ruhe ein Buch gelesen. Das Wetter war schön, auf der Straße war wenig Verkehr. Es herrschte eine angenehme Ruhe, es war fast wie in einem Urlaub.

Wenn ich morgens aufwache, mache ich meine WhatsApps, schaue, was meine Freund*innen in den letzten 24 Stunden so erzählt haben, und dann antworte ich darauf. Ich laufe nicht gern ständig mit dem Handy herum, sondern nehme mir morgens nach dem Aufwachen die Zeit dafür. In der Wohnung unter uns werden die ersten Stühle gerückt, von oben rauscht das Wasser der Dusche, alles wie jeden Morgen. Es ist Alltag, der Alltag in der selbstgewählten Quarantäne. paradox ist, dass es sich gut anfühlt, entspannend, entschleunigt und entkrampft. Meine Liebste ist zu Hause. Sicher: Sie steht telefonisch zur Verfügung und macht ihre Dokumentation als Beraterin, aber das Tempo, die Hektik, das alles ist raus. Am späten Vormittag werden wir in aller Gemütsruhe frühstücken und den Tag planen. Keine Langeweile, es ist immer etwas zu tun, aber geruhsame Langsamkeit. Paradox und grausam, dass man dieses Gefühl dem Coronavirus verdankt. Und natürlich geht es nicht allen so.

Eine unserer besten Freundinnen muss ab heute Kurzarbeit machen, ein Großteil ihres Gehaltes bricht ein. Gleichzeitig hat sie einen jungen Führhund, der täglich raus will, und einen älteren Mann, der gerade schwer erkrankt ist, und mit dem sie gestern ins Krankenhaus musste, trotz der Ansteckungsgefahr für ältere Menschen. Ihr hört man in der WhatsApp-Nachricht den Stress an, die Verzweiflung und die Sorge. Sie muss sich wenige Minuten der Ruhe mühsam erkämpfen. Wir haben es gut, denke ich immer wieder.

Seit einer Woche habe ich die Wohnung nicht mehr verlassen, seit dem Lagebesprech am vergangenen Mittwoch. Da haben Franz-Josef Hanke, Eckart Fuchs, Matthias Schulz und ich uns noch versprochen, uns in zwei Wochen erneut zu treffen, aber es wird nicht stattfinden. Als wir uns trafen, waren in Deutschland knapp 1500 Menschen erkrankt, heute, 6 Tage später, sind es über 7000, mehr als viermal so viele. Auch weil meine Liebste und ich am Rande zu den Risikogruppen gehören und gerade alles tun, uns nicht anzustecken, werde ich am kommenden Mittwoch nicht zum Lagebesprech gehen, auch um meinen Freund Eckart zu schonen, der viel älter ist als ich.

Ein anderer Freund soll sich in ein paar Tagen bei einer Maßnahme des Kreis-Jobcenters vorstellen, an der er wirklich Interesse hat. Aber er wird darum bitten, die Vorstellung auf Juli zu verschieben. Und natürlich hofft er, man werde ihm das nicht als mangelnde Mitarbeit auslegen. Doch wie kann man das, wenn Kreis- und Stadtverwaltungen schließen, restlos alle Veranstaltungen abgesagt werden und Geschäfte nur noch im Notbetrieb geöffnet haben, sofern sie für die Versorgung der Bevölkerung lebensnotwendig sind?

Es gibt immer noch viele, die das Virus nicht ernst nehmen. Sie feiern Corona-Partys, gehen mit ihren Kindern auf Indoor-Spielplätze und sagen trotzig, dass sie sich ihr Leben nicht verderben lassen wollen. Schön, diese Hartnäckigkeit. Gegen Rechts wäre sie der Keim von Zusammenhalt, jetzt ist sie gefährlich. Dabei verstehe ich Eltern, die Probleme damit haben, Kinder im Haus zu halten. Und es gelingt ihnen auch nicht, zumindest nicht hier in unserem Stadtteil.

In Italien, wo eine echte Ausgangssperre herrscht, singen die Menschen miteinander von den Balkonen herab, eine schöne und berührende Geste. Auf Twitter schrieb ein deutscher Zyniker vor ein paar Tagen, diese wunderbare Idee sei nun auch nach Deutschland geschwappt, dort lese man sich von Balkon zu Balkon die Hausordnung vor.

In Frankfurt, wo meine Liebste bis Ende April nicht mehr arbeiten wird, sind die Straßen leerer geworden, berichten Bekannte. Vor dem Testcenter der Uni stehen hundert Meter lange Schlangen von Menschen, die sich testen lassen wollen, aber nur wenige erhalten diese Möglichkeit. Immerhin, sie halten den Mindestabstand von einem Meter zueinander ein und stehen in der Sonne, berichtet die FAZ.

Wären da nicht diese schrecklichen Zahlen aus Italien, Spanien und anderen Ländern, man könnte über die Frage nachdenken, was man aus dieser Situation lernen, was man mitnehmen könnte. Nachbarschaftshilfen und solidarische Netzwerke werden geknüpft und vermehren sich, hier leisten jetzt auch die sozialen Netzwerke wichtige Hilfe. Manche haben die Hoffnung, dass wir nachher ein solidarischeres Land sein werden, manche warnen davor, dass unter dem Vorwand einer weltweiten Krise Bürgerrechte und soziale Errungenschaften einfach abgebaut werden können. Ich selbst sitze in der Sonne und mache mir Gedanken.

Viel von dem Leben, das mich hier in meinem Stadtteil umgibt, spüre ich noch. Bei uns im Haus scheint niemand zu husten oder zu niesen, und auch von den Menschen, die ab und an auf dem Bürgersteig an unserem Haus vorbeigehen, höre ich das fast nie. Am ersten Tag, irgendwann in der letzten Woche, verspürte ich auch so etwas wie persönliche Angst, aber die ganze Zeit danach war sie verschwunden. Seit gestern ist ein wenig davon zurückgekehrt, denn überall berichten engagierte Ärzt*innen, dass die Zahl der jüngeren Menschen, die schwere Krankheitsverläufe haben oder sterben, drastisch zugenommen hat. Vermutlich taucht das noch eine Weile nicht in den Statistiken auf, die ich hin und wieder lese, aber es bedeutet, dass niemand wirklich sicher ist.

Eine liebe Freundin verzweifelt daran, die sozialen Kontakte in den kommenden Wochen so stark einschränken zu müssen. Sie kriegt es nicht hin, muss raus, muss Menschen treffen, sonst wird sie depressiv. Ich habe ein wenig Sorge, was geschieht, wenn auch hier eine ausgangssperre gelten wird. Denn damit rechne ich. Die derzeitigen Maßnahmen reichen nicht aus, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Für das Gesundheitssystem sind bald drastischere Maßnahmen nötig. Im Grunde wissen das auch alle, man kann es in Italien bereits beobachten, und China, Südkorea, Malaysia und andere Länder zeigen, wie man es hätte machen müssen. Was machen wir dann mit unserer Freundin? Wir telefonieren, wir WhatsAppen, aber reicht das? Wir müssen uns auch gegen Vereinsamung und Depression wappnen.

Wie schön wäre es, wenn man aus dieser Epidemie lernen könnte, das Gesundheitssystem nicht kaputtzusparen und wirtschaftlichen Zwängen zu unterwerfen. Wie schön wäre es, wenn man sich der unaufgeregten Informationspolitik der öffentlich-rechtlichen Medien wieder so bewusst werden würde, dass man sie nicht mehr würde abschaffen wollen. Noch kann ich mir diese Gedanken machen, noch ist die Ruhe da. Es wird vielleicht eine Zeit während dieser Krise kommen, wo die Ruhe nicht da ist. Doch ich werde mir diese Gedanken für nachher aufsparen.

Gerade jetzt wäre es gut, alte Kriegsbeile zu begraben. Wer weiß, ob man bei allen, mit denen man im Klinsch liegt, noch Gelegenheit dazu haben wird. Wieviele Menschen wohl gerade jetzt so denken?

Die Vögel singen schon ihre Frühlingslieder. Das höre ich zu gern. Auch in den nächsten Tagen soll das Wetter noch für den Balkon geeignet sein.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

2 Antworten zu Persönliche Impressionen aus dem Corona-Alltag

  1. Lieber Jens,
    das Coronavirus ist wirklich ein guter Anlass, über vieles noch einmal in aller Ruhe nachzudenken. Egoismus und Neoliberalismus sind ein Gift, das leider schon lange sehr tief wie ein gefährlicher Virus in die Gesellschaft eingedrungen ist. Umso erfreulicher sind jetzt Solidarität und gegenseitige Hilfe.
    Verantwortungsbewusstsein ist nun geradezu lebenswichtig. Alle sollten sich so verhalten, als wären sie infiziert!
    In der gegenwärtigen Situation zeigen sich auch die Vorteile des Internet. Was glaubst Du: Wollen wir unseren Lagebesprech 99 telefonisch durchführen?
    Allen Mitmenschen wünsche ich Gelassenheit und Gesundheit.
    fjh

  2. Pingback: Mitmenschlichkeit macht´s möglich: Solidarität üben angesichts des Coronavirus – marburg.news

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