Ich bin ein Rassist

Dieser Beitrag ist keine Selbstbezichtigung, kein einsichtsvolles zu Boden schauen, keine Rechtfertigung, keine Selbsterkenntnis, die nun ein Schulterklopfen erwartet, erhofft oder gar verlangt. Er ist eigentlich nur ein Statement nach einem längeren Zuhören, das damit nicht beendet ist. Ein Zwischenergebnis sozusagen, ein Moment des Innehaltens auf einem Weg, bei dem es keine Punkte zu holen, kein schnelles Endziel zu erreichen gilt. Trotz all dem wird er betroffenen Menschen wie ein Fishing for Compliments vorkommen, ein Text, der Aufmerksamkeit erheischt, und obwohl ich sage, dass er das nicht will, werde ich diesen Verdacht nicht ausräumen können, damit müssen wir alle leben. – Die aussage dieses Textes, auf einen Nenner gebracht, lautet: Ich bin ein Rassist. Oder genauer: Ich verhalte mich selbstverständlich rassistisch, Tag für Tag. Und ich profitiere von einem rassistischen System, in dem BPOC, also black, indigenous and People of Colour, strukturell benachteiligt und diskriminiert werden, auch von mir, auch von Linken, auch von wohlwollenden Intellektuellen.

Ich habe ein Buch gelesen. Vieles darin war mir nicht neu. Das Buch heißt “Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten” von Alice Hasters. Die Haupterkenntnis, die ich aus diesem Buch ziehe ist die: Man kann als Weißer nicht alles richtig machen und Absolution erhalten. Man muss den Schmerz aushalten, die Scham ebenfalls. Denn Rassismus beginnt nicht bei der offenen Feindseligkeit, die man gemeinhin mit diesem Wort belegt. Er beginnt bei der scheinbar niedlichen Spardose eines geldverschluckenden BPOC, bei der schamlosen Haargrabscherei, der sich – meist als Kompliment getarnt – vor allem schwarze Frauen ausgesetzt sehen, bei der Aussage, man solle mal nicht so empfindlich sein. Rassismus kann als Wohlwollen auftreten, als Beschützerinstinkt, als Bewunderung für Exotik, besondere Fähigkeiten oder als Aneignung von Musikrichtungen, Kleidungsstilen und ähnlichen kulturellen Ausprägungen einer Identität. Dieser Text selbst, geschrieben aus der Perspektive eines privilegierten, weißen Mannes in mittleren Jahren, wird möglicherweise rassistisch wahrgenommen werden.

Und damit sind wir beim Punkt: Was sollen wir tun, um nicht rassistisch zu sein?

Wir, die Weißen, müssen, so weit wir es überhaupt können, begreifen, dass der Rassismus die Grundlage des Reichtums, des Wohlstandes und der Freiheit unserer Gesellschaft ist. Daraus, dass er seit 500 Jahren ein absolut bestimmendes Element unseres Zusammenlebens ist, folgt ganz klar, dass wir ihn persönlich nicht einfach abstellen können, das wir nicht einfach beschließen können, nicht mehr rassistisch zu handeln. Wir können unser eigenes Bewusstsein schärfen, und wir können und müssen aushalten, wenn wir trotz unserer Bemühungen nicht everybody’s Darling sind, wenn man uns nicht traut, wenn man weiterhin und jetzt erst recht auf jede vermeintliche Kleinigkeit achtet, in der wir uns verraten.

Also:

Wenn wir das ein wenig verinnerlicht haben, dann beginnt nach meiner ansicht die Chance, die wir alle gemeinsam haben. Raus aus dem Kreislauf der Selbstrechtfertigung und der Selbstabsolution, weg von dem Versuch, von den Betroffenen einen seelischen Persilschein zu erhalten. Stattdessen ist es wichtig, die Widersprüche auszuhalten, auch die eigenen, die in 500 Jahren gewachsen sind, die einfach zu uns dazu gehören. Wir sind die Weißen, wir sind nie von Rassismus betroffen, niemand von uns, Punkt! Es ist einfach eine Unmöglichkeit. Es gibt nichts zu rechtfertigen, das will auch niemand hören. Es gibt nur etwas zu verändern, bei jedem einzelnen Mitglied dieser Gesellschaft, in jedem einzelnen Umfeld. Das wird weh tun und nicht leicht sein, und jede und jeder wird irgendwo mal einknicken, mal gedankenlos und rassistisch handeln oder denken. Es lässt sich schlicht nicht vermeiden. Erst, wenn wir das akzeptieren, können wir in einen wirklichen Dialog eintreten. Nicht einen, in dem wir den BPOC Löcher in den Bauch fragen, sie dazu zwingen, unsere Lehrer*innen zu sein, ihre Rassismuserfahrungen mit uns auf schmerzvolle Weise zu teilen, sondern indem wir selbst nachdenken und Fragen, wo uns etwas unklar ist, oder wo wir etwas so verändern können, dass es auch ernsthaft nützt.

Warum ist es so schwer, BPOC so ernst zu nehmen wie Weiße, mit denen wir zu tun haben?

Um meine Haltung zu verstehen, sollten Sie das Buch von Alice Hasters und viele andere Bücher von BPOC lesen, den Schmerz und die Scham aushalten und still darüber nachdenken. Wir, und damit sind meine weißen Leser*innen und ich selbst gemeint, sollten durch eigenes Nachdenken und ernsthaften Austausch zu Erkenntnissen gelangen.

Einige der Erfahrungen, die Alice Hasters in ihrem Buch beschreibt, konnte ich für mich auf eine bestimmte Weise umdeuten. Als blinder Mensch bin auch ich bestimmten Formen von Diskriminierung ausgesetzt, die sich im Alltag oft als kleine Mückenstiche darstellen, in ihrer Summe aber nervenaufreibend und schmerzhaft sind. Auch ich bin von Kind an mit Verhaltensweisen sehender Menschen aufgewachsen, die mich verletzt haben, von denen ich aber lange dachte, es müsste so sein und ich wäre nur zu empfindlich. Ich möchte diese Erfahrungen nicht mit denen von BPOC vergleichen, das kann man auch nicht. Ich will nur sagen, dass es mir vielleicht deswegen etwas leichter fällt, den Selbstverteidigungsreflex auszuschalten und einfach zuzuhören und die Erfahrungen dieser Schwarzen Frau, wie sie sich selbst bezeichnet, zu akzeptieren und darüber nachzudenken. Und weil ich weiß, dass es zum Beispiel auch unter Menschen mit Behinderung eine versteckte Hierarchie und gegenseitige Diskriminierung gibt, fällt es mir auch nicht so schwer, mir einzugestehen, dass ich mich selbst ebenfalls rassistisch verhalte. Solange man Rassismus auf den offen feindseligen, menschenfeindlichen Akt oder Gedanken beschränkt, solange kommen wir aus der Selbstrechtfertigungsschleife und der Selbstüberhöhung nicht heraus, weil wir uns selbst eine weiße Weste attestieren oder uns selbst bezichtigen, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen.

Es geht eben ausnahmsweise einmal nicht um uns Weiße, oder nur insofern, als wir es sind, die sich rassistisch verhalten und das ändern müssen.

Es geht nicht um unsere Befindlichkeiten, selbst dann nicht, wenn sich dieser Text für andere so anhören mag.

Es tut mir leid, ich habe recht abstrakt geschrieben. Das liegt daran, dass ich hier nicht Beispiele aufzählen und Erschütterung produzieren wollte. Es birgt aber auch die Gefahr, dass Sie mich schlicht nicht verstehen. Vielleicht finde ich irgendwann bessere Worte. Es ist eben sowieso ein Prozess, der weder perfekt, noch abgeschlossen ist. Und genau damit werde und muss ich Sie jetzt allein lassen, und mich selbst auch.

Ach, und eins noch: Es gibt kein Patentrezept, Rassismus abzulegen, nicht mehr rassistisch zu sein, endlich zu den Guten, den Unbescholtenen, den Richtigen zu gehören. Sagte ich das schon?

Schöne Woche!

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
Dieser Beitrag wurde unter Behinderung, erlebte Geschichte, Leben abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.
Nach oben

Comments

4 Antworten zu Ich bin ein Rassist

  1. Pingback: Schuss ins Knie: Werft die Waffen weg! – Humanistische Union Marburg

  2. Pingback: Auf Knien gebetet: Nieder mit Kolonialismus und Rassismus! | Franz-Josef Hanke

  3. Pingback: Kniffliger Kniefall: Über Wunden, die noch nicht überwunden sind – Journalismustipps

  4. Pingback: Kniffliger Kniefall: Über Wunden, die noch nicht überwunden sind – Humanistische Union Marburg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.